"Für mich ist es Zeit, etwas zurück zu geben" Wegbegleiter in der neuen Heimat (1): Georg Eberhardt betreut eine Wohngemeinschaft mit jungen Flüchtlingen - © Frank-Michael Kiel-Steinkamp
"Für mich ist es Zeit, etwas zurück zu geben" Wegbegleiter in der neuen Heimat (1): Georg Eberhardt betreut eine Wohngemeinschaft mit jungen Flüchtlingen | © Frank-Michael Kiel-Steinkamp

Herford Ehrenamtlicher im Einsatz: Georg Eberhardt betreut Flüchtlings-WG

Christina Römer

Herford. Wenn Georg Eber-hardt seinen Jungs per Handy eine Nachricht schreibt, achtet er auf Rechtschreibung und Grammatik. Auch wenn der Inhalt beiläufig ist, die jungen Männer studieren die Worte ihres deutschen Freundes sehr genau. Diese Buchstaben weisen ihnen den Weg - heraus aus der Isolation, in der sie als Fremde im neuen Land stecken. Mohamad (26), Bassel (23) und Nour (20) leben seit Januar zusammen in einer Wohngemeinschaft in Herford. Mohamad ist aus dem Libanon geflüchtet, Bassel und Nour aus Syrien. Sie kennen sich erst, seitdem sie ein gemeinsames Dach über dem Kopf haben. Trotzdem bezeichnen sie sich als "Familie", als "Brüder". Georg Eber-hardt nennen sie "Opa". "Ich weiß, wie es ist, wenn man allein ist" Der 66-jährige Rentner besucht die jungen Männer fast täglich. Er kümmert sich um sie ehrenamtlich als "Familien"-Pate. "Er hilft uns", sagt Mohamad auf Englisch. Noch kann der junge Libanese nur wenig Deutsch. Doch er und seine Mitbewohner lernen. Mit Hilfe der Handy-Nachrichten. Und mit Hilfe von Handbüchern, die Georg Eberhardt mit den Jungs zusammen durcharbeitet. Es ist nur eine der vielen Aufgaben, die der Rentner als Pate hat - aber eine Wesentliche. Eberhardt bekam Kontakt zu den jungen Männern über den Verein Nachbarschaftshilfe. "Ich habe Zeit", sagt der Ehrenamtliche. "Und ich weiß, wie es ist, wenn man allein ist", fügt er hinzu. Sachlich und in wenigen Worten erklärt der 66-Jährige, warum er das sogar sehr genau weiß: "Ich war eine Zeit lang obdachlos und habe gesoffen." Seit vier Jahren sei er nun trocken, habe in Herford ein neues Leben aufbauen können. "Mir ist viel Hilfe zu Teil geworden", erzählt er. "Deshalb ist es nun meine Aufgabe zurückzugeben." Die jungen Männer wissen von der Alkoholsucht ihres Freundes. Ebenso hat Georg Eberhardt über das Leben der Flüchtlinge viel erfahren. "Die Jungs reden von ihren Familien, zeigen Videos, die wir im Fernsehen nicht sehen", meint Eberhardt. Bilder aus dem Krieg, von fallenden Bomben und toten Kindern, die aus dem Schutt gezogen werden. "Wenn ich das gesehen habe, kann ich nicht gut schlafen", sagt Eberhardt. "Dann erkennt man seine Begrenztheit, wo man nichts mehr tun kann." Doch über den Schmerz zu sprechen, hilft dabei zu verarbeiten. Oder darüber sprechen zu lernen. Mohamad tut sich schwer damit zu erzählen, warum er aus dem Libanon geflüchtet ist. "Er wurde von der Hisbollah gefoltert", spricht Eberhardt für den 26-Jährigen die mit Angst erfüllten Worte aus. Doch Mohamad muss lernen, seine Geschichte zu erzählen - spätestens wenn er seinen Antrag auf Asyl stellt, muss er sagen, warum er aus seinem Land geflüchtet ist - sonst droht die Abschiebung. "Die Hisbollah will, dass man in Syrien kämpft", sagt er schließlich. "Wenn du nicht gehst, wirst du immer Probleme haben." Eine zarte Formulierung dafür, dass der junge Libanese eine Eisenstange im Bein hat, weil die Terroristen ihm alle Knochen gebrochen haben. Obwohl er nur mühsam laufen konnte, machte sich der 26-Jährige im vergangenen Jahr auf den Weg nach Europa. Er schleppte sich zu Fuß weiter, saß in einem der Fischkutter, die regelmäßig kentern. Und war die ganze Zeit darauf angewiesen, dass ihm Fremde helfen. Wie Hasan, der nun auch in Deutschland lebt, einer anderen Stadt zugewiesen wurde und ihn nun in Herford regelmäßig besucht. Oder Bassel, der jetzt mit ihm zusammenwohnt und ihm beim Duschen und Anziehen hilft. Oder Georg Eberhardt, der mit ihm zum Arzt geht. Die Wünsche des 26-Jährigen sind bescheiden. "Ich möchte arbeiten und in Frieden leben", sagt Mohamad. Er habe als Busfahrer gearbeitet und Abschleppwagen gefahren, das könnte er wieder tun, schlägt er vor. Und wenn er etwas kühner träumen darf? "Dann möchte ich gerne ein Techniker sein und Computer reparieren." Flüchtlinge möchten jetzt anderen helfen Doch solche Träume sind weit weg, nicht nur für Mohamad, auch für seine Mitbewohner. "Als die Jungs hier ankamen, waren sie euphorisch", erinnert sich Eberhardt. Jetzt seien sie nüchterner geworden, der Alltag sei eingekehrt und mit ihm die Langeweile. "Sie schlafen, essen und warten", beobachtet der Ehrenamtliche. Mohamad darauf, den Antrag auf Asyl zu stellen. Die anderen darauf, einen Integrationskurs machen zu können. Solange hilft Georg Eberhardt ihnen, den Tag mit Sinnvollem zu füllen. "Wir kochen zusammen, oder ich nehme sie mit zu meinen Freunden", sagt Eberhardt. "Und wir lernen Deutsch." Gerade hat die Wohngemeinschaft von der Nachbarschaftshilfe neue Bücher bekommen. Die drei Flüchtlinge haben sich aber noch etwas anderes überlegt, um eine Aufgabe zu bekommen. "Wir würden gerne selbst helfen", sagt Mohamad. Zum Beispiel älteren Menschen, ehrenamtlich. Bei der Gartenarbeit, bei Einkäufen, bei allem, was anfällt. Menschen, die vielleicht auch allein und isoliert sind. 85 aktive Ehrenamtliche Rund 400 Flüchtlinge sind der Stadt zugewiesen und leben in Herford. Bis sie sich ein neues Leben aufbauen können, müssen sie auf vieles warten: den Aufenthaltstitel oder den Integrationskurs zum Beispiel. Doch auch während sie warten gibt es Angebote für die Zuwanderer. Hierfür sorgen vor allem Ehrenamtliche. Viele von ihnen sind an die Nachbarschaftshilfe angeschlossen. Diese koordiniert seit etwa einem Jahr das ehrenamtliche Engagement für Flüchtlinge in Herford. Initiiert hatte dieses Engagement die Bürgerstiftung. Seit Anfang Mai ist die Nachbarschaftshilfe ein eigener eingetragener, gemeinnütziger Verein. Etwa 85 aktive Ehrenamtler sind hierin vernetzt. 30 Familienpaten betreuen etwa 90 Flüchtlinge, 32 Sprachpaten vermitteln in Kleingruppen erste Deutschkenntnisse, Schulpaten helfen Schülern Fuß zu fassen, Ehrenamtliche unterstützen die Kinderbetreuung in der städtischen Spielwohnung in der Ulmenstraße, Sachspenden werden vermittelt und Freizeitangebote initiiert. Dabei steht die Nachbarschaftshilfe in einem engen Austausch mit den Sozialarbeitern der Stadt, die dabei helfen, Kontakte zu vermitteln. Der Vorstand stellt heute um 19 Uhr im Denkwerk, Leopoldstraße 2, seine bisherige Arbeit vor. Hierzu sind die Ehrenamtlichen und alle Interessierten eingeladen – weitere Ehrenamtliche sind willkommen. Mehr Infos über den Verein gibt es im Internet unter: nachbarschaftshilfe-herford.de

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