Alter Schreibtisch, alte Erinnerungen: Ernstaugust Tschaschnig betrachtet das Bild, das ihm vom "Kribbenspierl" geblieben ist. Die Kirchenbänke sind leer, weil die Aufnahme damals bei der Generalprobe entstand. Von der Uraufführung selbst hat der 92-Jährige kein Bild. - © Foto: Meiko Haselhorst||
Alter Schreibtisch, alte Erinnerungen: Ernstaugust Tschaschnig betrachtet das Bild, das ihm vom "Kribbenspierl" geblieben ist. Die Kirchenbänke sind leer, weil die Aufnahme damals bei der Generalprobe entstand. Von der Uraufführung selbst hat der 92-Jährige kein Bild. | © Foto: Meiko Haselhorst||

Rödinghausen Unterm Stern von Rödinghausen

Weihnachtserinnerungen: Ernstaugust Tschaschnig lässt für die NW noch mal "Dat Renkhuischke Kribbenspierl" aufleben, das heute vor 51 Jahren uraufgeführt wurde

Meiko Haselhorst

Rödinghausen. Ernstaugust Tschaschnigs Fantasie schlug seinerzeit Purzelbäume. "Stell Dir mal vor: Draußen Schneegestöber und Sturm, drinnen eine proppevolle Kirche und dann wir mit unserem Rödinghauser Krippenspiel", bearbeitete der heute 92-Jährige vor Urzeiten seinen Freund und Lehrerkollegen Erwin Möller. Der Rödinghauser Heimatforscher und Autor hatte ihm das soeben fertiggestellte "Renkhuischke Kribbenspierl" aus seiner Feder vorgelegt, war sich aber selbst nicht so ganz sicher, ob man es nun wirklich aufführen sollte. Tschaschnig war sich umso sicherer - und überzeugte letztlich auch Erwin Möller. "Wir mussten uns dann erst mal nach Leuten umgucken, die Plattdeutsch sprachen", erinnert sich der damalige Lehrer. Ein guter Teil der Mannschaft, die später vorm Altar der Bartholomäuskirche für Furore im Dorf sorgen sollte, kam aus der Laienspielschar des Heimatvereins. "Aber wir brauchten ja insgesamt 21 Darsteller", sagt Tschaschnig. "So viele Plattdeutschsprecher zu finden, die auch noch Lust zum Mitmachen hatten - das war auch damals schon nicht ganz einfach." Eine Leseprobe auf Platt Als die Laiendarsteller alle beisammen waren, mussten sie erstmal eine Leseprobe auf Platt machen - man kauft ja nicht die Katze im Sack. Dann durften alle ein Jahr lang Texte büffeln. "Meiner sitzt heute noch", sagt Tschaschnig und gibt lachend eine Kostprobe seines Auftritts als "Kürning Weking" (König Wittekind): "Ik vannen Sassenstamme, de Kürning Weking benn, goh faken huiertolanne, no muin Truien henn." Das Besondere an dem Stück sei nicht nur die plattdeutsche Sprache gewesen, sagt Tschaschnig. "Die ganze Handlung war in die Neuzeit verlegt worden - und nach Rödinghausen", erklärt er. Maria und Josef hießen in diesem Fall Grete und Friedhelm. Statt der Könige aus dem Morgenland brachten besagter Weking, "Tobakkürning" und "Linnenkürning" ihre Geschenke. Amtsmänner und Polizisten mit Pickelhaube standen ebenfalls am Altar. Grete und Friedhelm kamen in dieser Variante des Weihnachtsevangeliums auf einem Feldweg vom Wiehengebirge herabspaziert, das Christkind erblickte im Kotten eines lokalen Bauern das Licht der Welt, darüber leuchtete der Weihnachtsstern von Rödinghausen. "Der alte Kotten steht heute noch da", sagt Tschaschnig. "Den nutzen die Landfrauen als Backhaus." Ziemlich ungemütliche Uraufführung Am 28. Dezember 1966 wurde das Stück uraufgeführt. "Wir hatten damals Terminschwierigkeiten", begründet Tschaschnig das für ein Krippenspiel doch recht fortgeschrittene Datum. Geschneit hat's nicht an jenem Tag. "Das war leider immer nur in meiner Fantasie so gewesen. In Wirklichkeit hat es an dem Tag geregnet, es war ziemlich ungemütlich", erinnert sich der Rödinghausener. Die Dorfbevölkerung störte sich damals nicht an den Unbilden des Wetters, sie saß ja auch im warmen und pickepackevollen Gotteshaus. Mucksmäuschenstill sei es während der Aufführung gewesen, sagt Tschaschnig, der Applaus danach umso lauter. "Ein wirklich unvergessliches Erlebnis", sagt er noch 51 Jahre später. Schon im darauf folgenden Jahr habe man es trotz großer Bemühungen nicht mehr geschafft, die komplette Gruppe zusammenzutrommeln. Und das war?s dann, mit dem Rödinghausener Krippenspiel auf Platt. "In einem solchen Rahmen wurde das Stück meines Wissens nie wieder aufgeführt", sagt Tschaschnig. Dabei habe Erwin Möller etwas später sogar einen regionalen Preis dafür erhalten. "Und das Drehbuch dazu gibt es bestimmt auch noch irgendwo." Theoretisch wäre es also möglich, die Geburt des Messias noch mal an den Wiehen zu verlegen und den berühmten Stern abermals überm hiesigen Kotten leuchten zu lassen. Und das alles in lokaler Mundart. Tschaschnig glaubt nicht wirklich, dass es dereinst dazu kommt. Gleichwohl: Sein Gesichtsausdruck verrät, dass ihm die Vorstellung gefällt. Dass es dann auch mal mit dem Schneegestöber klappen würde, ist allerdings wirklich unwahrscheinlich.

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