Mein Dorf Rödinghuasen - © Haselhorst
Mein Dorf Rödinghuasen | © Haselhorst

Mein Dorf

Spaziergang durch die Gemeinde: Daniel Marsch liegt sein Heimatort sehr am Herzen. Der NW sagt er, was er dort besonders mag – und was viele Rödinghauser gar nicht mögen

Meiko Haselhorst

Rödinghausen. Es ist später Nachmittag und die Dämmerung setzt ein. Ein kalter Wind weht hier oben auf dem „Katzenbuckel“. Aber Daniel Marsch friert nicht. Er erwärmt sich gerade an der Aussicht, die er vom Südhang des Wiehengebirges hat. „Wenn Schnee liegt, fahren die Kinder hier Schlitten“, sagt der 25-Jährige und zeigt hinunter ins weite Land. Und manch ein Erwachsener schnalle sich gar Skibretter unter. Daniel Marsch ist Rödinghauser mit Leib und Seele. Als die NW vor einigen Wochen eine Reportage druckte, in der die Alte Dorfstraße augenscheinlich als ödes Dorfzentrum daherkam, fühlte er sich in seiner Ehre gekränkt. „Und so ging es ganz vielen Leuten hier – das war an dem Wochenende im ganzen Dorf ein Thema“, erzählt er mir. Der Autor besagter Reportage war ich selbst gewesen. „Ich möchte Ihnen mal die schönen Seiten von Rödinghausen zeigen“, hatte der Elektro-Ingenieur mir einen Tag später in einer Mail geschrieben. „Ich finde das Dorf jetzt schon schön – gerade weil es so ruhig und idyllisch ist“, hatte ich ihm geantwortet. „Und ich wollte damit wirklich niemandem zu nahe treten.“ „Warum ist es eigentlich so schlimm, ein Dorf als Dorf zu bezeichnen?" Gegen einen Spaziergang an der frischen Luft habe ich natürlich nichts einzuwenden. Also lasse ich mich auf den Vorschlag ein und treffe Marsch ein paar Tage später am Pemberville-Platz. Los geht’s im Haus des Gastes. Nur kurz schauen wir in den Festsaal hinein. „Hier finden die Rödinghauser Karnevalssitzungen statt“, sagt er. „Da ist immer richtig was los.“ In diesem Moment spielen hier ein paar ältere Herren Doppelkopf. „Warum ist es eigentlich so schlimm, ein Dorf als Dorf zu bezeichnen? Das ist doch an sich nichts Böses“, nehme ich den Faden noch einmal auf, als wir durch die Parkstraße zum Mehrgenerationenpark gehen. Die Sache nagt an mir. Marsch atmet durch. „Vielleicht sind wir ein bisschen stolz auf die Dinge, die hier so gut funktionieren“, sagt er. Häcker-Küchen? Fußballverein? „Zum Beispiel“, sagt er. „Und dann sind wir natürlich enttäuscht, wenn wir immer noch als das kleine Dorf wahrgenommen werden.“ Ich nicke. „Das da ist übrigens das Beachhandball-Feld – da geht’s im Sommer auch richtig ab“, sagt Marsch und zeigt auf eine im Moment verwaiste Sandfläche. Dezember halt. Die Goldfische im großen Teich ziehen ihre Runden dicht am dunklen Grund. Als wir kurz haltmachen, kommen sie in der Hoffnung auf Futter etwas näher an die Oberfläche. Leider haben wir nichts dabei. Wirklich auffällig ist die Stille, die in den Straßen herrscht Durch den Hambachweg machen wir uns – vorbei an Weihnachtssternen und Schwibbögen in den Fenstern der Wohnhäuser – auf den Weg in Richtung Wiehengebirge. Wirklich auffällig ist die Stille, die in den Straßen herrscht. Kein fahrendes Auto weit und breit. „Siehst Du, und genau das finde ich toll hier“, sage ich meinem Gesprächspartner – mittlerweile sind wir per Du. Auf dem Lehmkuhlenweg ist es ebenfalls still – nur das Pfeifen des Windes ist zu vernehmen. „Tolle Grundstücke hier“, sagt Marsch. Dem ist nichts hinzuzufügen. Direkt unterm Hang steht ein Haus von 1878, im Vorgarten weht eine dänische Flagge, darunter eine kleine und vom Wind zerfledderte Greenpeace-Fahne. „Hier könnte ich’s wohl aushalten“, sage ich. Am Katzenbuckel: „Wenn demnächst noch mal Schnee liegen sollte, stell’ ich mich hier auch wieder auf die Bretter“, sagt Marsch. Das habe übrigens auch schon der Bürgermeister getan. Leider habe er Pech mit dem Wetter gehabt. Also sauste er unter den Blicken zahlreicher Schaulustiger auf Rollen den Hang hinab. Ich bleibe dabei: Rödinghausen ist ein Dorf - ein sehr schönes Dorf „Ich fand’ den Artikel gar nicht so böse“, sagt etwas später Andrea Pösse, die an der Alten Dorfstraße seit einiger Zeit einen Blumenladen hat. „Sie haben doch einfach nur beschrieben, was Sie in zehn Minuten gesehen haben.“ Ich könnte die Frau umarmen. Genau wie Ute Hentzschel vom gleichnamigen Obsthof, die sinngemäß dasselbe sagt. Einen Wunsch hätte ich noch: einen Besuch in Omas Teestube. „Ich habe schon einen Tisch reservieren lassen“, sagt Marsch und lacht, als wir die adventlich beleuchtete Alte Dorfstraße hinabschlendern. Etwas später sitze ich in heimeliger Atmosphäre an der Heizung und trinke Kaffee. Tut gut, nach dem Schlür übers winterliche Land. „Und?“, sagt Daniel Marsch und schaut mich über den Rand seiner Tasse an. „Ich bleibe dabei: Rödinghausen ist ein Dorf“, sage ich. „Ein sehr schönes Dorf.“

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