Andreas Koch (v.l.) Christopher MacCauley, Anne Clausing und ihr Vater Günter Clausing zeigen T-Shirts und Taschen mit dem Aufdruck ?Stop Ebola?, die im Zuge der Spendenaktion verkauft werden. Die Handfläche zeigt die Umrisse von Sierra Leone. Statt per Handschlag gibt es dort jetzt andere Begrüßungsformen. FOTO: D. SCHNASE
Andreas Koch (v.l.) Christopher MacCauley, Anne Clausing und ihr Vater Günter Clausing zeigen T-Shirts und Taschen mit dem Aufdruck ?Stop Ebola?, die im Zuge der Spendenaktion verkauft werden. Die Handfläche zeigt die Umrisse von Sierra Leone. Statt per Handschlag gibt es dort jetzt andere Begrüßungsformen. FOTO: D. SCHNASE

Rödinghausen Ebola gefährdet Projekt des CVJM

Familien von Azubis in Sierra Leone geraten zunehmend in Not / Rödinghauser bitten Bevölkerung um Hilfe

VON DIETER SCHNASE

Rödinghausen. Helfen in Zeiten von Ebola ist nicht nur für die "Driving-Doctors" aus Stift Quernheim in Sierra Leone zum Riesenproblem geworden. Auch das erst vor zwei Jahren mit einer hohen Auszeichnung gewürdigte Youth-Development-Project (YDP) des CVJM Rödinghausen nahe der Hauptstadt muss schon seit Monaten eine Zwangspause einlegen - mit fatalen Folgen für die 35 Mitarbeiter und ihre großen Familien.

Über die Lage in dem afrikanischen Land, das neben Liberia und Guinea am stärksten von der Ebola-Epidemie betroffen ist, informierten gestern Mitarbeiter des CVJM Rödinghausen sowie Christopher MacCauley, der beim YDP für die Finanzen zuständig ist und im Juni zu einer Studienreise nach Deutschland kam. Sie bitten die Bürger hierzulande um finanzielle Unterstützung. Christopher MacCauley und die CVJM-Mitarbeiterin Anne Clausing haben zwischenzeitlich geheiratet, sein dreimonatiges Visum läuft aber Ende Oktober aus. "Wir haben momentan große Mühe, in Berlin das Visum verlängern zu lassen", so Clausing.

Gegenwärtig in das Land einzureisen, kann man niemandem empfehlen. "Es ist schlimmer als der Bürgerkrieg in den 1980er bis 2000er Jahren", sagt Andreas Koch vom CVJM Rödinghausen. Im Zuge eines Praktikums hatte er vor fast drei Jahrzehnten Sierra Leone und die Menschen dort näher kennen gelernt. Daraus entstand vor rund 27 Jahren das YDP-Projekt, bei dem Jugendlichen die Möglichkeit einer handwerklichen Ausbildung geboten werden soll (s. Info-Kasten). "350 Auszubildende haben inzwischen mitgemacht", weiß Koch.

Doch schon seit Monaten stehe das Projekt still - wie vieles in dem Land. "Die Schulen wurden bereits vor den Sommerferien geschlossen." Via Radio werde Unterricht angeboten - solche Geräte können sich aber nur wenige Menschen leisten. Das YDP-Projekt ist seit kurzem im Dorf Ogoo Farm am Rande der Hauptstadt Freetown ansässig. Momentan gebe es keine Aufträge für die Auszubildenden, wodurch sie und ihre Familien zunehmend in Not geraten würden.

Günter Clausing vom CVJM-Vorstand weist darauf hin, dass die Preise für Nahrungsmittel seit der Ebola-Epidemie kräftig gestiegen seien - "für Reis um 40 Prozent". Dabei sei der Weltmarktpreis rückläufig. "Das Gesundheitssystem liegt zudem am Boden", beschreibt Anne Clausing die schwierige Lage. Der Preis für Desinfektionsmittel oder Latex-Handschuhe sei ins Unermessliche gestiegen. Es gibt inzwischen ein "Ebola-Business", haben die Mitarbeiter des CVJM erfahren.

Die Angst der Menschen, sich zu infizieren, ist groß. Den Ärzten und Schwestern, die helfen wollen, begegneten sie aber mit großem Misstrauen. Es habe neben der medizinischen Hilfe leider keine psychosoziale Betreuung gegeben, sagt Andreas Koch. Und gesellige Zusammenkünfte, die in Sierra Leone beliebt seien, was Christopher MacCauley bestätigt, würden in Zeiten von Ebola sehr erschwert. Offiziell seien alle Treffen verboten worden.

Andreas Koch rechnet bis Monatsende mit etwa 1.500 Ebola-Toten in Sierra Leone, voraussichtlich 600 allein in Freetown. Auch wenn es zynisch klingen mag - Koch und MacCauley sind sich einig: Der Bürgerkrieg war irgendwie kalkulierbar - Ebola ist es nicht. Tausende Tote in Afrika würden bei uns kaum registriert, völlig anders sei dies als bei einzelnen Ebola-Opfern in den USA, bedauert Andreas Koch.

Ohne das Engagement der reicheren Staaten und die Aktionen der großen Hilfsorganisationen schmälern zu wollen, sind sich die CVJMler sicher, dass diese Hilfen so kleine Projekte wie YDP nicht erreichen. Wie Anne Clausing erläutert, hätten sich unter dem "Network4Salone" Nichtregierungsorganisationen und Vereine, auch das Projekt, zusammengeschlossen, um Spenden "unter einem Dach" zu sammeln, die gezielt und ohne Verwaltungsaufwand die Adressaten erreichen würden. Wer helfen möchte, kann auch Taschen oder T-Shirts mit dem Logo "Stop Ebola" erwerben.

Das Youth-Developement-Project

Das Youth-Developement-Project (YPD) - Jugend-entwicklungsprojekt - hat in Sierra Leone mit seinem Ausbildungszentrum einen Ort für handwerkliche Ausbildung Jugendlicher in Konfliktsituationen geschaffen. Das Prinzip ist Hilfe zur Selbsthilfe, so dass die Einheimischen in der Lage sind, z.B. Gebäude selbst zu errichten. Nach dreijähriger Ausbildung legen die Jugendlichen eine Prüfung ab.

Das Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung hat das Projekt in puncto Nachhaltigkeit als beeindruckend gewürdigt. Es hat den Bürgerkrieg von 1991 bis 2002 überstanden.

Wer spenden möchte, findet nähere Infos über das Projekt YDP unter www.cvjm-roedinghausen.de Infos auch bei Andreas Koch, Tel. 0171/3870808 oder

facebook.com/ ydp87sl

facebook.com/network4salone

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