Kindheitstraum mit Blaulicht und Sirenen

Mein Tag als ... (11) Feuerwehrmann auf der Wache an der Königsstraße

Johannes Wöpkemeier

Schrill klingt der Alarm durch die Fahrzeughalle. "Verkehrsunfall in Volmerdingsen. Einsatz für das HLF und den Rüstwagen", sagt Christian Ostermann über die Lautsprecher durch. Einsatz? Damit hatte ich noch gar nicht gerechnet. Ich schaue auf die Uhr. 8.55 Uhr. Schnell ziehe ich mir die Hose an, springe in die Schuhe und werfe mir meine schwarze Jacke mit den gelben Reflektoren über. "Du fährst bei mir mit", sagt Markus Hilchenbach. Der stellvertretende Leiter der Feuer- und Rettungswache startet seinen BMW X3 und fährt mit mir Richtung Unfallstelle. Zum Glück gibt es an diesem Morgen im Stadtgebiet keinen Stau. Die Ampeln an der Steinstraße springen für die anderen Verkehrsteilnehmer auf Rot. Jetzt haben wir Vorfahrt. Klasse. Endlich mal legal bei Rot über die Ampel brettern. Vor uns fahren das Hilfeleistungsfahrzeug (HLF) und der Rüstwagen mit Tempo 60 in Richtung Volmerdingsen. Mit dem HLF sind wir gut für den Unfall vorbereitet. "Das ist die eierlegende Wollmilchsau. Dort sind die passenden Gerätschaften für Unfälle, aber auch für Brände vorhanden", sagt der 51-jährige Hilchenbach. Auf der Eidinghausener Straße machen die Verkehrsteilnehmer mit ihren Autos für uns Platz. Nach nicht einmal fünf Minuten sind wir am Unfallort angekommen. Zwei Personen sind bei einem Zusammenstoß ihrer Autos auf verletzt worden. Ein 45-jähriger Autofahrer war den Angaben der Polizei zufolge gegen 8.30 Uhr auf der Weinstraße unterwegs und bog mit seinem Skoda nach links auf die Volmerdingsener Straße ab. Dabei kam es zur Kollision mit dem VW einer 78-jährigen Frau, die zu diesem Zeitpunkt auf der Vorfahrtsstraße in Richtung Volmerdingsen fuhr. Für meine Kollegen von der Feuerwehr ein alltäglicher Einsatz. Für mich Adrenalin pur. Da die Autos Öl verloren haben, kippen die Feuerwehrmänner um Einsatzleiter Frank Pfeiffer Bindemittel auf die Straße. Zwei von einander unabhängige Löschmittel stellen die Einsatzkräfte bereit. Sowohl ein Feuerlöscher mit Schaummittel als auch der Wasserschlauch aus dem Hilfeleistungsfahrzeug werden in Position gebracht. "Das machen wir zur Sicherheit. Falls es zu einem Feuer kommt", erklärt Hilchenbach. Schnell sind alle Sicherungsmaßnahmen ergriffen. Für die beiden Verletzten geht es ins Krankenhaus. Für uns zurück auf die Wache. Hier darf ich einen Wunsch äußern. "Wodrauf hast du denn noch Lust?" fragt Hilchenbach. Zeit zum Zögern bleibt mir nicht. "Ich möchte mit der Drehleiter fahren", sage ich spontan. Nachdem wir bei unserem ersten Versuch in schwindelerregende Höhe zu fahren durch den Unfall auf der Volmerdingsener Straße jäh unterbrochen wurden, komme ich nun zum Zug. Mit Helm und Sicherungsgurt geht es für Frank Töbing und mich über die Dächer der Kurstadt. Gut, dass uns der Wind an diesem Morgen nur ganz sanft um die Ohren bläst. "Sonst würde es hier ganz schön wackeln", sagt Töbing mit einem Schmunzeln. Was für ein Ausblick. 20 Meter weiter unten sitzt Peter Steinborn und steuert den Korb vom Boden aus. Er fährt heute die Drehleiter. Und kümmert sich um die Bekleidung der Feuerwehrmänner. Nach fünf Minuten beendet er meinen Ausflug in luftige Höhe. Langsam wird die Drehleiter wieder eingefahren. Bis wir uns zwei Meter über dem Boden befinden. Jetzt darf ich das Steuer übernehmen. Vorsichtig berühre ich unter Anleitung und Aufsicht von Frank Töbing die beiden Joysticks. Ein leichtes Tippen und die Leiter dreht sich nach links. Was für ein Gefühl. Zugegeben, so zaghaft wie ich darf im Ernstfall der Feuerwehrmann nicht agieren. "Dann muss alles schnell gehen", stellt Feuerwehrmann Töbing klar. Für mich ist der Abenteuerteil meines eintägigen Praktikums erst einmal beendet. Ab geht?s an den Schreibtisch. Denn Feuerwehrarbeit findet auch im Büro statt. Peter Grella hockt gerade über den Plänen für den Neubau eines Gebäudes und kontrolliert Fluchtwege und Baumaterialien auf dem gezeichneten Plan. "Wir arbeiten eng mit dem Bauordnungsamt zusammen", sagt der 56-Jährige. Sein Brandschutzdienst gliedert sich in drei Bereiche: Brandschutzerziehung, Brandschauen und die Stellungnahmen für Neu- oder Umbauten. Auch ein interessanter Arbeitsbereich, ich möchte aber weiter zu den schweren Geräten. Markus Hilchenbach führt mich an den Fahrzeugen entlang. Und schon wieder ertönt der Gong, die Einsatzkräfte werden zu einer technischen Hilfeleistung gerufen. Die Feuerwehrmänner ziehen sich ihre Jacken über und springen in das rot-weiße Fahrzeug. Für mich hingegen ist Feierabend. Mit meinem Praktikum ist ein Kindertraum für mich in Erfüllung gegangen.

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