Volle Konzentration: Die Heckenschere ist nicht nur extrem scharf, sondern auch gehörig laut und ordentlich schwer. - © Susanne Barth
Volle Konzentration: Die Heckenschere ist nicht nur extrem scharf, sondern auch gehörig laut und ordentlich schwer. | © Susanne Barth

Löhne Im Einsatz als Friedhofsgärtnerin: Fegen gegen die Tristesse

Mein Tag als ... Gärtnerin auf dem Friedhof in Mennighüffen

Kristine Greßhöner

Löhne. Grünfläche ist nicht gleich Grünfläche, Grabstätte ist nicht gleich Grabstätte. Es gibt nicht viele Arbeitsorte, wo man bei Wind und Wetter anpacken muss und zugleich Menschen begegnet, von denen einige aufgewühlt und traurig sind. Detlef und Christina Nagel arbeiten hier. Sie haben mir gezeigt, was auf der vier Hektar großen Anlage zu tun ist – diesem besonderen Ort, der in vielen Momenten sehr ruhig und still ist und dem man trotzdem ganz pragmatisch mit Heckenschere und Laugsauber zu Leibe rücken muss. Die Fahrt zu den Gräbern beginnt im Sitzen auf einem Anhänger. Detlef Nagel reicht mir die Hand, ich steige auf, es geht los. Der Wind weht seitlich, von vorn heizt mir die Abluft der Zugmaschine ein. Ich hocke auf der Ladefläche, während der Friedhofsgärtner überraschend flott durch die Reihen düst, kurz stoppt, per Greifarm eine Ladung Grünabfall aus einer Mulde fischt, parkt und den Motor ausstellt. Die Handgriffe sitzen. Anhängerklappe öffnen, Kurzzeitpraktikantin abladen, weiter zu Fuß. Nachmittags um halb drei ist es hier auf dem Gräberfeld sehr ruhig. Die Schule ist aus, die einzige Geräuschquelle ist die Lübbecker Straße, selbst die Rasenmäher der Nachbarn ruhen. Seit rund 15 Jahren ist Nagel der Friedhofsgärtner hier - auf einer Fläche, die mit ihrer Größe von vier Hektar eigentlich kaum allein zu bewältigen ist. Unser Ziel sind zunächst die Grabreihen - das Reich von Nagels Ehefrau Christina. "Es steckt viel Herzblut drin", sagt sie über ihre Arbeit, "und es berührt einen." Ihr Mann sieht zu, während ich angestrengt versuche, den Erdboden mit einer Art Krallenharke, einem Grubber, aufzulockern, ohne ihn gleich umzupflügen. Christina Nagel dagegen hält den langen Stiel ihres Gartengeräts völlig locker in Händen. Hier geht es um das, was am Boden passiert, lerne ich. Oder eben auch, dass überhaupt etwas passiert. Schlecht ist: Klee, der sich zwischen den Rindenmulch gemogelt hat. "Wenn der blüht und sich ausbreitet ..." Detlef Nagel lässt den Satz unvollendet, greift zu, zack, weg damit. Gut ist: Wenn die Blüten der Eisbegonien in rot, weiß oder pink leuchten. "Stille Liebe genannt, sehr genügsam." Wenn man die beiden Nagels beobachtet, versteht man, dass sie hier jeden Thuja und jeden Kiesel ebenso kennen wie die Schicksale, die hinter den Namen auf den Grabsteinen stehen. Darüber möchten sie nicht sprechen, das ist nichts für die Zeitung, sagen sie. Mit einem großen Handkarren ziehen wir weiter. Jedes Gartengerät hat darauf seinen Platz, es herrscht Ordnung, die sich in der Grabpflege widerspiegelt. Die Nagels sind nicht nur die, die aufräumen, die mit Besen über den Rindenmulch fegen und damit, ein unerwarteter Effekt, auf den ersten Blick seine Farbe verändern und so die Tristesse vertreiben. Sie sind Zuhörer, freundlich, besonnen, ruhig und bodenständig. In erster Linie geht es hier, zwischen den Gräbern, pragmatisch zu. Es gibt viel zu tun, da muss man anpacken. Die wohl wichtigste Pflanze auf jedem Friedhof ist der Buchsbaum. "Doch ausgerechnet der hat einen Pilz." Das beschäftigt Detlef Nagel, weil es keine Ad-hoc-Lösung gibt, wie er sagt. Wir gehen weiter, den Handwagen nehmen wir mit, kein Besucher ist zu sehen. Von Bummeln kann keine Rede sein, von Hektik auch nicht. "Wir springen nicht von einer Ecke in die andere", sagt Christina Nagel, stoppt, stellt den Wagen ab, steigt über eine kleine Hecke. Einen Lageplan brauche sie nicht, wenngleich sie viele, aber eben nicht alle der 1.000 Grabstätten gegen Gebühr in ihrer Obhut hat. Früher habe es mehr Vierergräber gegeben, wegen der hohen Säuglingssterblichkeit, heute ist die Doppelgrabstelle Standard. Alles nach Maß: Ein Einzelgrab ist 1,25 Meter breit und 2,50 Meter lang. Und wieder heißt es: harken, abzupfen, fegen, keine Fußabdrücke hinterlassen, fertig. Am meisten zu tun ist von März bis Totensonntag. Dann bepflanzen Nagels Gräber, kontrollieren Wasserstellen, säubern Wege, sammeln Unrat auf, bieten Gestecke an, öffnen Gräber, schließen Gräber. "Hier ist einer der letzten ruhigen Orte im Alltag", sagen sie. Vandalismus und Diebstähle seien selten. An Silvester vor einigen Jahren hätten Betrunkene versucht, ein frisches Grab aufzubuddeln - vergeblich. Ein anderes Mal warfen Teenager 20 Grabsteine um. Jenseits des Postwegs erlebe ich eine Überraschung. Reiht sich im oberen Teil Grab an Grab, gibt es bloß reichlich Rasen. Hier fährt Detlef Nagel die schweren Geschütze auf, anders wäre die Arbeit nicht zu schaffen. Der rote Aufsitzmäher hat zwei Hebel statt eines Lenkrads. Das ist gewöhnungsbedürftig. Die Testrunde läuft zwar ordentlich, von zwei, drei Schlenkern neben der Spur mal abgesehen, aber Vollgas? Traue ich mir nicht zu, sonst geht?s noch ab durch die Hecke. Überhaupt Hecke, das ist ein großes Thema, davon gibt es in Mennighüffen reichlich. "Mehr als ein Kilometer Außenhecke sind es", sagt Nagel. Die unzähligen Kilometer im Inneren seien da noch nicht eingerechnet. Da ist es logisch, dass die Praktikantin nach dem Rasenmäher nun ran muss an die Heckenschere. Auch die ist ein zugstarkes Modell, leuchtend orange und ordentlich schwer. Die Zeiten der mechanischen Modelle sind passé. Wer Nagels bei der Arbeit beobachtet, versteht warum: Um der körperlichen Arbeit gewachsen zu sein, wären Gartengeräte ohne Stiel, mechanische Werkzeuge oder auch Kleingeräte nicht nur unpraktisch, sondern regelrechte Rückenkiller. Detlef Nagel reicht mir eine Art Rucksack mit gebogenen Metallschienen. Die Riemen sind verstärkt mit Schaumstoff, ich schnalle mir die Gurte um Bauch und Brust, dann hängen wir an einem Draht über meinem Kopf die Heckenschere ein. "Erst an den Seiten schneiden, dann oben, sonst bleiben die Äste von oben an den Seiten hängen." Es hakt, es rappelt, die Schere ist unglaublich laut. Nagel trägt normalerweise rote Ohrschützer. "Und dann höre ich gern Lokalradio." Auch sein Laubsauger, den ich an diesem Tag nicht ausprobieren kann, macht mit seinem 12-PS-Antrieb und einem 20-Zentimeter-Rohr ordentlich Krach. Bis die Arbeit vorbei ist, dann wird es still. "Es gibt Wochen, da öffne ich drei bis fünf Gräber", sagt Nagel. 40 seien es allein von Januar bis April gewesen. In diesem Moment wirkt er nachdenklich. "Da kann man ins Grübeln kommen."

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