Faulturm mit Aussicht: Klärwerksleiter Hans Kleine (l.) zeigt Christina Nahrwold, was sich unterm Dach des Bauwerks tut. - © Ulf Hanke
Faulturm mit Aussicht: Klärwerksleiter Hans Kleine (l.) zeigt Christina Nahrwold, was sich unterm Dach des Bauwerks tut. | © Ulf Hanke

Löhne Ein Tag als Schlosser im Klärwerk

Christina Nahrwold

Löhne. Hans Kleine setzt viel Vertrauen in mich. Verheißungsvoll kündigt er mich dem Schlosser in der Werkstatt des Klärwerks an: "Die Dame wird dir helfen, die Pumpe zu reparieren." Markus Schwager kann sich ein Grinsen nicht verkneifen. "Jau, denn geht das voran", entgegnet er zu meiner Begrüßung. Na ja, wehren kann er sich kaum. Schließlich hat mir Geschäftsleiter Kleine freie Wahl versprochen. Und so habe ich die Werkstatt zum Ort meiner Bestimmung auserkoren. "XXXL, reicht das?", ruft Kleine aus den Umkleideräumen und lacht. Wie bitte? Nachdem wir meine Größenverhältnisse geklärt haben, wird mir ein blaues T-Shirt in XL gereicht. In die Ärmel passen meine Oberarme gleich zwei Mal rein. Immerhin: Ich weiß in welcher Größe ich stecke. Die Größe der Arbeitshose scheint unberechenbar. "Größe 50, ist das M? Wir haben hier nur Herrengrößen", höre ich aus dem Nebenraum. Mir schwant Böses. Mit beiden Sachen verschwinde ich in der Umkleidekabine. Irgendwie gelingt es mir, das riesen T-Shirt in der Hose zu verstauen. Auf dem Gang schleift der Stoff noch etwas über dem Boden, das kriege ich aber mit einer kleinen Umschlagfalte in den Griff. In der Werkstatt angekommen überlässt mich Kleine meinem auserwählten Schicksal. Ein großer Metallklotz mit grünem Anstrich liegt vor mir auf der Werkbank. Dank Schwager begreife ich: Diese Pumpe muss komplett auseinandergenommen werden, alle verschlissenen Teile werden ersetzt. Dichtungen gehören zum Beispiel dazu. Gut zehn Jahre hat die Pumpe schon auf dem Buckel. Und was würde im Klärwerk schon ohne den Antrieb durch Pumpen laufen? Derzeit kommen etwa 9.000 Kubikmeter Abwasser aus Löhne und Kirchlengern an. Und die bewegen sich nicht von alleine zum Rechen, Sandfang und den verschiedenen Klärbecken. 13.000 Kubikmeter Abwasser am Tag seien normal, im letzten Jahr liefen insgesamt 4 Millionen Kubikmeter ein. Das sind 4 Milliarden 1-Liter-Becher. Rund eine Stunde laufe ich mit Kleine durch den gesamten "Stinkepark", wie er bei manchem Löhner heißt. Zugegeben, an manchen Orten reicht es mir, mal durch die Tür zu spähen. Zum Beispiel am Sandfangbecken, wo sich Kies und Sand absetzt. Selbst Kleine steckt hier seine Nase äußerst ungern rein. "Da ist es gut, Leittechnik zu haben", sagt er schmunzelnd. Gemeint sind die vollautomatischen Messungen, die Ergebnisse laufen in der Leitwarte ein. Zuvor am Rechen ist der Duft erträglich. Toilettenpapier hängt in Massen am Metallsieb. "Sie glauben gar nicht, was man hier alles findet. Backsteine, Holz ..." Kleine zeigt auf eine große Mulde mit weißen Säcken. So verpackt wird der Müll verbrannt. Was sich dann in der biologischen Reinigung abspielt, ist mit bloßem Auge nicht zu sehen. Nach den Tausenden von Bakterien brauche ich nicht zu suchen. Noch macht mich die braune Brühe in den Reinigungsbecken skeptisch. Doch was ich dann sehe, überzeugt mich: Klares Wasser fließt unter meinen Füßen aus den Nachklärbecken. Die Reinigungsarbeit haben wir fleißigen Bakterien zu verdanken, die offensichtlich so ziemlich alle Verbindungen schlucken, die das Löhner Abwasser hergibt. Trotzdem wartet auf sie nach 20 Tagen der gewaltsame Tod. Den Faulturm überleben sie nicht. Nach drei Wochen lebt im Turm sowieso gar nichts mehr. Mein Mitleid hält sich in Grenzen. Andere Tierchen haben jetzt meine Aufmerksamkeit. Hoch oben auf dem Dach des Faulturms sichte ich Stockenten in einem Nachklärbecken. Enten im Klärwerk? Wer hätte das gedacht. Zurück in der Werkstatt. "So, jetzt erst mal die Schrauben lösen", erklärt mir Schwager und drückt mir das passende Werkzeug in die Hand. Eine Knarre, habe ich gelernt. Merkwürdiger Name für ein Werkzeug, das nicht mehr kann als Schrauben aus dem Gewinde ziehen. Zwölf sind es an der Zahl, ich beginne oben und arbeite mich im Uhrzeigersinn vor. Schwager schaut mir über die Schulter. So ganz will mir das noch nicht von der Hand gehen, so viel Gewalt anzuwenden liegt mir nicht. Dabei hat er die Schrauben schon vorgelöst. "Ich glaube, Sie müssen heute Überstunden machen", sage ich, um abzulenken. Doch der Schlosser scheint Praktikanten gewohnt zu sein - und es mit der Zeit nicht so eng zu nehmen. "Eigentlich war die Pumpe schon letzte Woche dran." Erst jetzt fällt mir das Gedudel aus dem Radio auf. Heben muss ich den Klotz nicht, Schwager legt die Gehäusehälfte auf die Seite. Dunkles Öl trieft auf den Boden, nur ein Griff und der Schlosser hat alte Handtuchlappen auf den Boden gelegt. Ohne Öl, so lerne ich, läuft in einem solchen Gerät schon mal gar nichts. Endlich blicke ich in die geheimnisvolle Tiefe der mächtigen Apparatur: Beide metallenen Zahnräder liegen frei. Auch ich sehe: Die Schutzringe auf der Welle haben eine tiefe Riefe. "Fühlen Sie mal", sagt Schwager und gibt mir zum Vergleich das Ersatzteil aus der eingeschweißten Folie in die Hand. Endlich fliegen die Funken. Ich frage erst gar nicht, ob ich Schweißen darf. Bei Schwager sieht das nach feinstem Handwerk aus. Der Metallring muss durch sein, aber eben auch nicht so ganz. Den Rest erledigen Brechstange und Hammer. Immerhin darf ich die schmierige Welle anfassen, während Schwager mit kräftigen Schlägen den nigelnagelneuen Ring auf der Welle befestigt. 13 Pumpen dieser Art gibt?s im Klärwerk, diese wird die vorletzte sein, die Schwager reparieren muss. "Dann haben wir erst mal Ruhe."

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