Die Theatertoilette: Ein Geheimtipp für eilige Damen. Jedenfalls beim Clueso-Auftritt. Hier hält eigentlich Kai (l.) die Toiletten-Wacht. Mein Tag als Toilettenmann. - © Ulf Hanke
Die Theatertoilette: Ein Geheimtipp für eilige Damen. Jedenfalls beim Clueso-Auftritt. Hier hält eigentlich Kai (l.) die Toiletten-Wacht. Mein Tag als Toilettenmann. | © Ulf Hanke

Löhne/Bad Oeynhausen Klos putzen beim Parklichter-Konzert

Ein Tag als (7) Toilettenmann im Bad Oeynhausener Kurpark

Ulf Hanke

Bad Oeynhausen/ Löhne. Mein Praktikum als Putze beginnt mit einem letzten Gang auf die heimische Keramik. Sicher ist sicher. Sanitärer Luxus, denke ich, aber Wasserklosetts mit Überlaufkante gibt’s auch auf den Pachttoiletten der Parklichter. Bad Oeynhausen ist ja nicht Wacken. Noch ein letztes Telefonat mit meinem neuen Chef: Muss ich nichts mitbringen, Klobürste, Gummihandschuhe? Alfred Alisch lacht. „Haben wir alles da. Du wirst nicht mal dreckig. Versprochen.“ Hm. Ist dann aber trotzdem gut, dass ich die alten Sachen angezogen habe. Der 67-Jährige hat’s eilig. Es ist heiß, der Schweiß rinnt uns von der Stirn. Alisch flitzt übers Gelände, saugt an seiner Zigarette und schärft mir ein: „Die Leute sollen sich wohlfühlen, aber nicht heimisch.“ Jeder Wagen hat getrennte Kabinen für Männer und Frauen, aber nur einen gemeinsamen Abfluss in den nächsten Gully. Tage vorher hat Alisch ein Labyrinth aus Kanälen verlegt, Wasserleitungen an die Wagen angeschlossen und eine Pumpe installiert. Klempnerarbeit. Mein Praktikumsplatz ist der Toilettenwagen am Haupteingang, der mit der Pumpe. Alisch nennt sie den „Zerhacker“. „Der macht aus allem Konfetti.“ Ein Hauptgewinn ist der Ort nicht. Wenige Minuten nach dem Einlass stauen sich die Frauen. Im Laufe des Abends wird die Schlange vor den Damenklos mal länger und mal kürzer, aber nie verschwinden. Den Pfarrer und den Ratsherrn grüße ich übermäßig freundlich, beide zahlen brav ihre 50 Cent. Ob sie mich erkannt haben? Dann streikt der Zerhacker. Die Pumpe ist heißgelaufen und piept penetrant, Abwasser träufelt aufs Gehäuse, Dampf steigt auf. Alisch fackelt nicht lange, greift beherzt zum Rohr, zieht es ab. „War falsch rum“, sagt mein Meister Röhrich, während das Abwasser aus dem Wagen blubbert. Ich betrachte den zweiten Jordansprudel aus sicherer Entfernung. Alisch steckt alles wieder umgekehrt zusammen. Läuft. Fünf Toilettenwagen betreibt der 67-Jährige auf dem Gelände. Vier davon hat der gelernte Schmied und Fahrzeugbauer, der in Melbergen aufgewachsen ist, selbst gebaut. Meiner ist Baujahr 1981. Sein Prachtstück aber steht in einem eingezäunten Sondergelände an der Hauptbühne und ist noch kein Jahr alt. 40.000 Euro hat er da reingesteckt. Drinnen gibt’s mit Epoxidharz beschichtete Flächen, bunte Leuchtdioden überm Eingang, wasser- und geruchlose Urinale für die Herren und goldene Spiegel für die Damen. Ich weiß das, weil ich diesen Wagen wischen durfte. Eigentlich ist das Andrzejs Job. Er hockt die meiste Zeit im Schatten und raucht. Doch im entscheidenden Moment, wenn das Klopapier zur Neige geht, der Papierkorb überquillt oder eine Wasserlache auf dem Boden schwillt, ist er zur Stelle. Die Frauen bemerken ihn gar nicht. Und ich erkenne nur, dass er längst vor mir Klarschiff gemacht hat, weil es nicht nach Waldfrüchten und Klostein, sondern nach Zigarillo duftet. Je später der Abend, desto schwieriger wird es zu putzen. Die Leute bleiben immer länger in den Kabinen, davor werden es immer mehr. Ich bin zurück am Haupteingang. Der Wischmopp ist nicht mehr mein Freund, er wartet unbenutzt am Wagen. Stattdessen übe ich mit meinem Klo-Kompagnon Chris das Kassieren. Er stapelt Münzen auf einem Campingtisch vorm Damenklo und ich postiere mich am Herren-Eingang. Chris hat die deutlich bessere Aussicht: Bei ihm stehen die Frauen mehr oder weniger freiwillig Schlange. Bei mir nicht. Die Zahl der Wildpinkler steigt mit dem Alkohol-Pegel rasant. Ein Zeitungsredakteur gesteht später triumphierend, dass er es geschafft hat, ohne seinen Obulus zu entrichten. Er ist nicht der einzige: Einen Kampfsportler lasse ich kleinlaut ziehen und diesen Typ mit Hut und juristischem Gesprächsbedarf ignoriere ich besser. Er baut sich vor mir auf, schaut mir tief in die Augen und faucht mich böse an: „Rechtsgrundlage?“ Alisch winkt ab, als ich ihm davon erzähle. Nirgendwo wird so viel kluggeschissen wie vor einer Pachttoilette. Dabei ist die Notdurft keine Notlage und niemand wird gezwungen, sie zu benutzen. Alisch findet für die Abort-Akademiker deftige Worte. Auf dem Gelände gibt’s außerdem noch zehn Gratis-Dixis an der Hauptbühne. Die Dixis am Eingang, liebe Geschlechtsgenossen, waren übrigens Kassenhäuschen. Thomas Mihajlovic, der Organisator der Parklichter, erklärt später, warum die Leute nicht gratis pinkeln können. „Kann man machen“, sagt er. Doch die Dixis würden zu schnell verschmutzt und eine Toilettenpauschale mache den Eintritt für alle teurer, nicht nur für die Vielbenutzer. Alisch bekommt Miete für seine Toilettenwagen. Das Personal, sechs Leute, zwei in Reserve, zahlt er von den Einnahmen. Übrigens nicht schlecht: an diesem Tag so viel wie der Reporter. Die Vielbenutzer vor mir sind weiblich und friedlich. Sie haben Elefanten-Blasen und wollen bespaßt werden, während sie warten. Darunter ein Junggesellinnenabschied: „Hilfe, ich bin Cora“, steht auf dem Shirt, auf dem ich meinen Namen schreibe und die Nummer des wildpinkelnden Zeitungsredakteurs. So viel Spaß muss sein. Das ist der Deal: Für 50 Cent darf jede mit dem Klomann schäkern. Chris macht das gut, Alfred Alisch kann es besser. Ich muss noch üben. Die besten Dialoge kann man eh nicht erfinden: „Kaffee?“ fragt eine Frau und ein andere kräht: „Nein, ich geb’ erstmal ’ne Runde Pipi aus.“ Während die Sänger, von denen nur Vornamen bekannt sind, nach und nach verklingen, wird die Seife knapp. Ich lotse die Ladies zum Händewaschen aufs Herrenklo. Kurzes Gejohle, die Männer sind irritiert. Ihr Urinal ist nur eine Handbreit entfernt und ihre Kabinentoilette wird sowieso schon von den Frauen mitbenutzt. Draußen achtet eine weibliche Meute streng auf die nötige Hygiene und ruft: „Händewaschen!“ Ich suche Seifennachschub und wechsele den Standort. An der Haupttribüne trällert jetzt Clueso und auf den Toiletten geht es zu wie im Taubenschlag. Hinterm Theater ist es deutlich ruhiger. Ich hocke mich fürs Beweisfoto in den einzigen Toilettenwagen, den Alisch nicht selbst gebaut hat. Dort ist zwischen Damen- und Herrenklos ein Kabuff mit Fensterrahmen. Eigentlich sitzt Kai hier und reicht Papiertücher an. Als Alfred Alisch mit meiner Kamera von draußen Fotos schießt, ist Pia Freytag erst ziemlich entsetzt, dann aber einverstanden. Ich lege Papier nach, wische Brillen und Becken und spritze Duftöl ins Urinal. Meine anfängliche Scheu auf dem Damenklo hat sich wie mein Deodorant verflüchtigt. Ich befolge Alischs Rat: „Mit drei Rollen Klopapier in der Hand gehörst du dazu.“ Überhaupt, das Papier: Die Toiletten verschlingen Unmengen davon. In einem Paket sind 48 Rollen mit jeweils 450 Blatt. In einer Stunde gehen allein an den Damentoiletten neben der Hauptbühne drei Pakete durch. Das sind 64.800 Blatt. Kein schlechter Schnitt bei einem Rekordbesuch auf dem Parklichterkonzert von über 6.000 Menschen. Handtücher übrigens nicht mitgerechnet. Ich leere geschlechtsübergreifend Papierkörbe und stopfe alles in eine Mülltüte. Nach Cluesos Abtritt kommt noch ein Schwung Kundschaft. „Je sauberer die Wagen, desto weniger werden sie schmutzig“, hatte der Chef am Nachmittag gemahnt und demonstrativ das Kaugummipapier vorm Toilettenwagen aufgehoben. Ich lerne: Klopapier nachlegen und Fetzen wegräumen ist wichtiger, als das Klo zu putzen. Bakterien sieht man nicht, Papier schon. Außerdem gibt es wirklich Frauen, die damit Origami ähnliche Gebilde auf die Klobrille legen. Andere setzen sich gar nicht erst hin. Ich auch nicht. War ja keine Zeit vor lauter Arbeit.

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