Ralf Wachsmuth, Michael Szusz und Jürgen Niemeyer (von links), die sich als "Botschafter Germanitiens" bezeichnen. Sie sagen: "Wir sind keine Nazis." - © FOTO: ULF HANKE
Ralf Wachsmuth, Michael Szusz und Jürgen Niemeyer (von links), die sich als "Botschafter Germanitiens" bezeichnen. Sie sagen: "Wir sind keine Nazis." | © FOTO: ULF HANKE

LÖHNE Widerstand gegen "Germanitien"

Justizopferhilfe NRW nennt Büro "Botschaft" / Bürgermeister Held: "Wirrköpfe"

Löhne. Die umstrittene Justizopferhilfe hat ihr Büro zum Botschaftsgelände des Fantasiestaates "Germanitien" erklärt. Über dem Eingang an der Lübbecker Straße wird gewarnt: "Sie verlassen den Geltungsbereich der BRD". Grenzpfosten und Zollbeamte fehlen, die Tür steht tagsüber weit offen. Die Ausrufung ihres Staates mitten in der Stadt sorgt in der Löhner Ratspolitik für einhelliges Kopfschütteln. Bürgermeister Heinz-Dieter Held nennt ihre Anhänger "Wirrköpfe" und ihre Ansichten "Blödsinn".

Jusos, Grüne Jugend und AWO-Jugend haben bereits am Mittwochabend ihren Protest gegen das Büro öffentlich gemacht. Die Jugendorganisationen rufen zu einem Bündnis aller Demokraten gegen Rechtspopulismus und -extremismus auf. Am Montag, 20 Uhr, soll ein erstes Treffen in der Werretalhalle, Gruppenraum 1, stattfinden. "Wehret den Anfängen", sagt Juso Alexander Sturm. Die Idee findet durch alle Ratsfraktionen hinweg Zustimmung.

Die Aktivisten der sogenannten Justizopferhilfe (JOH) NRW reagieren gelassen auf die Ankündigung. Ralf Wachsmuth, Eigentümer des Gebäudes und nach eigener Auskunft "Botschafter von Germanitien": "Da kommen wir auch. Wir sind gegen Rechtsextremismus." Er lädt für Montag zwei Stunden früher ins Büro, um die Öffentlichkeit selbst zu informieren: Wachsmuth: "Wir wollen über das System der BRD aufklären."

Hinter der JOH steckt nach Recherchen der NW unter anderem die vom Verfassungsschutz beobachtete Reichsbürgerbewegung (wir berichteten). Die Aktivisten der JOH akzeptieren die Verfassung der Bundesrepublik Deutschland nicht, basteln sich eigene Personalausweise und Führerscheine, geben sich als Diplomaten eines Fantasiestaats aus und haben ihr Büro zur Botschaft erklärt.

Die Jugendorganisationen dagegen halten die Ansichten der JOH nicht für Klamauk, sondern für gefährlich. Vor dem Büro der JOH entrollten sie am Mittwoch ein Banner mit der Aufschrift "Keine demokratiefreien Zonen in Löhne" und schossen ein paar Fotos. Das Foto-Shooting hatten sie als Aktion "vor dem Nazibüro" bei Facebook angekündigt. "Wir wollen nicht, dass solche Organisationen hier in Löhne Fuß fassen", sagt Juso-Sprecher Philip Sulewski.

Die "Germaniten" erkennen die Oder-Neiße-Grenze zwischen Deutschland und Polen nicht an und fordern ein Deutschland in den Grenzen von 1937, was praktisch die Annektierung weiter Teile Polens und der russischen Exklave Kaliningrad bedeuten würde. "Die betreiben rechten Geschichtsrevisionismus", sagt Alexander Sturm: "Was die hier im Schaufenster aushängen, mag nach Satire klingen, aber das kann sich schnell ändern." Yeliz Ünal von den Jusos sagt: "Wie tolerant darf man gegenüber Intoleranz sein?"

Schweigen hält die Jugend für die falsche Strategie. "Eine demokratiefreie Zone wäre gefährlich für Löhne", sagt Franziska Lindemann von der Grünen Jugend.

Nach einer Viertelstunde war die Aktion an der vermeintlichen Staatsgrenze vorbei. Beim Weggehen erinnerte Alexander Sturm an den Werbespruch "Weltstadt der Küchen". In wenigen Wochen trifft sich die Branche aus aller Welt auf dem Gelände direkt gegenüber von der vermeintlichen Botschaft. "Was soll die Küchenwelt nur von Löhne denken?", fragt Sturm und zeigt ins verglaste Büro: "Die Germaniten haben ja noch nicht mal eine anständige Küche in ihrem Büro."

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