KREIS HERFORD Noch keine Entwarnung für Hebammen

Inge Höger (Die Linke) sieht Versorgung gefährdet

Kreis Herford (nw). Seit Jahren ist die Vergütung für freiberufliche Hebammen völlig ungenügend. Die Situation verschärfte sich zum 1. Juli weiter, denn die Prämien zur Berufshaftpflichtversicherung stiegen von 3.700 auf 4.200 Euro im Jahr an.

Über die schwierige Situation der ambulant tätigen Hebammen informierte sich die linke Bundestagsabgeordnete Inge Höger, stellvertretendes Mitglied im Gesundheitsausschuss, jetzt im Geburtshaus.

Allein in den vergangenen drei Jahren haben 25 Prozent der freiberuflichen Hebammen die Geburtshilfe aufgegeben. "Kein Wunder", sagte Nicole Kaempfer, leitende Hebamme im Geburtshaus, "die Einkommenssituation hat sich seit Jahren kaum verbessert." Aber die Beiträge der beruflichen Haftpflicht hätten sich innerhalb von zehn Jahren fast verachtfacht. "Hebammen bekommen umgerechnet nur 7,50 Euro Stundenlohn. Das ist für diese verantwortungsvolle Aufgabe zu wenig!" stellte Inge Höger fest.

Seit Jahren fordere Die Linke im Bundestag deshalb ausreichende Vergütung und Rentengerechtigkeit gerade für Frauen in sozialen und helfenden Berufen. Aktuell am 10. Juli hatten sich gesetzliche Krankenkassen und Hebammen-Verbände nach langen Verhandlungen endlich auf einen finanziellen Ausgleich für die freiberuflichen Geburtshelferinnen geeinigt.

Doch Nicole Kaempfer stellte klar: "Das ist ein Tropfen auf den heißen Stein! Für Freiberuflerinnen mit unter zehn Geburten im Jahr, dazu gehört bundesweit das Gros freiberuflich tätiger Hebammen, ist das überhaupt nicht hilfreich. Die finanzielle Belastung ist zu hoch."

Vor Jahren noch wurden etwa 30 Geburten pro Jahr im Geburtshaus begleitet - für Herford eine beachtliche Anzahl, so Kaempfer. "Jetzt können wir uns das nicht mehr leisten." Hinzu komme, dass Geburten immer weniger als natürlicher, denn als medizinischer Vorgang gesehen werden. "Verunsicherte Frauen gehen aus Sicherheitsüberlegungen vermehrt zur Geburt in die Klinik", erläutert Nicole Kaempfer. "Dabei belegen alle Untersuchungen, dass außerklinische Geburten keinesfalls riskanter sind."

Im Herforder Geburtshaus werden seit Februar keine Geburten mehr begleitet. Frauen, die außerklinisch entbinden wollten und nun keine Möglichkeit mehr bekommen, seien die Leidtragende, stellte Inge Höger fest. Die drei Hebammen bieten aber weiterhin Schwangerschaftsvorsorge, unterstützende Kurse und Wochenbett-Betreuung an.

Frühe Hilfen seien ein unverzichtbarer Baustein in der gesunden Entwicklung der Kinder und ihrer Familien."Deshalb ist es ein Skandal, dass Hebammen von ihren Einkünften kaum leben können und viele sich gezwungen sehen, ihre Tätigkeit aufzugeben", kritisiert Höger.

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