LÖHNE Jungs, die nicht zu bremsen sind

Zwei Kinder aus Tschernobyl haben 10 Tage auf dem Hof von Ilse und Herbert Nagel verbracht

VON ANNA-LENA GÖßLING
Diese selbstgebastelten Karten sollten die Kinder und ihre Gasteltern auf der Kennenlernfeier im Naturfreundehaus zusammenführen. So hat auch Vitalij (vorn) seinen Gastvater Herbert Nagel (hinten) gefunden. - © FOTO: ANNA-LENA GÖßLING
Diese selbstgebastelten Karten sollten die Kinder und ihre Gasteltern auf der Kennenlernfeier im Naturfreundehaus zusammenführen. So hat auch Vitalij (vorn) seinen Gastvater Herbert Nagel (hinten) gefunden. | © FOTO: ANNA-LENA GÖßLING

Löhne. Viele Worte Deutsch beherrscht der 13-jährige Sergej nicht. Wie seine neue Lieblingsspeise heißt, für die er selbst einen Schokoriegel links liegen lässt, weiß er aber genau: "Ich mag Bananen." Die Vorliebe für Obst anstatt für Eis, Schokolade und anderen Leckereien ist aber nicht das Einzige, mit dem Sergej und Vitalij ihre Gasteltern Ilse und Herbert Nagel überrascht haben.

Sergej und Vitalij kommen aus Tschernobyl. Sie sind beide 13 Jahre alt und ihr Hobby ist Fußball. Mehr weiß Ilse Nagel über ihre Gäste nicht.

Trotzdem hat sie die beiden in ihr Herz geschlossen. Seit dem 1.August machen sie mit 36 anderen Kindern aus dem radioaktiv verstrahlten Gebiet Weißrusslands Erholungsurlaub in Deutschland, organisiert vom Verein "Kinder aus Tschernobyl" (die NW berichtete). Seit Sonntag sind sie für 10 Tage in Gastfamilien untergebracht. Am Dienstag ist Abreise. "Es wird still werden. Die beiden haben Leben ins Haus gebracht", bedauert Nagel. Den Entschluss, die Jungen aufzunehmen, hat sie keine Minute bereut.

"Als ich bei der Teestunde in der Kirchengemeinde davon erfahren haben, fühlte ich mich sogleich angesprochen. Wir haben die Zeit und den Platz. Wer also, wenn nicht wir?", erinnert sich Ilse Nagel. Jetzt sitzen Sergej und Vitalij im Wohnzimmer der Nagels. Sie reden und lachen, fühlen sich sichtlich wohl. Als Herbert Nagel in das Zimmer kommt, drückt er den beiden ein Bonbon in die Hand. Als Dank gibt es strahlende Kinderaugen. "Wir verstehen uns auch ohne Worte. Dank Verständigung mit Händen und Füßen klappt es auch so", freut sich Herbert Nagel. Für den Notfall liegt eine Liste auf dem Wohnzimmertisch. In vier Spalten sind von A wie Apfel über H wie Halsschmerzen bis Z wie Zähneputzen die wichtigsten Begriffe in Deutsch und Russisch dargelegt. "Die haben wir bisher nur einmal gebraucht. Wie Sergej mir zeigen sollte, dass seine Hose gewaschen werden müsste, das wusste er nicht", so Ilse Nagel.

Große Reden schwingen wollen Sergej und Vitalij aber ohnehin nicht. Viel lieber wollen sie überall mitmachen, gleich alles selbst ausprobieren. Dafür gibt es bei den Nagels genug Möglichkeiten. "Wir haben einen Bauernhof mit vielen Landwirtschaftlichen Geräten. Das ist für Jungs in dem Alter natürlich genau das Richtige", findet Herbert Nagel.

Nachdem die Jungs die ersten Tage noch zurückhaltend waren, blühen sie jetzt richtig auf. Trecker fahren, Raps sähen und auch mal auf dem Motorrad von Herbert Nagel mitfahren. Die beiden Jungen sind nicht mehr zu bremsen.

Über die Ausdauer der beiden ist Ilse Nagel erstaunt: "Auch als wir in der Balitherme waren, sind die Jungen durch das Wasser getobt, als gäbe es kein Halten mehr. Ich hatte eher mit geschwächten, müden Kindern gerechnet. In Sachen Vitalität stehen Sergej und Vitalij deutschen Kindern aber in nichts nach."

Einen Unterschied gibt es aber doch. Während sich die meisten deutschen Kinder über Eis oder Schokolade freuen, gibt es für Sergej und Vitalij kaum etwas Besseres als Toast und Bananen. Diese sind in Weißrussland einfach zu teuer und somit etwas ganz Besonderes.

"Mit Milch brauche ich ihnen auch nicht kommen", erzählt Ilse Nagel. "Viele Jahre konnte in der Gegend um Tschernobyl keine Milch verwendet werden. Deshalb sind die Jungs noch immer skeptisch", vermutet sie.

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