Olga Teiz (l.), Anne und Julia basteln im Löhner Naturfreundehaus an den Grundlagen für ein Funkgerät. - © FOTOS: ANNE-LENA JASCHINSKI
Olga Teiz (l.), Anne und Julia basteln im Löhner Naturfreundehaus an den Grundlagen für ein Funkgerät. | © FOTOS: ANNE-LENA JASCHINSKI

LÖHNE Warten auf weißrussische Antwort

Kinder aus Tschernobyl versuchen, in ihre Heimat zu funken

VON ANNE-LENA JASCHINSKI

Löhne. Mit gespannter Mine sitzt Anne vor dem Funkgerät. Noch ist nur ein Rauschen zu hören, doch die Zwölfjährige hofft, mit Hilfe von Amateurfunker Werner Vollmer eine Sprechverbindung in ihre Heimat Weißrussland herstellen zu können. Anna ist eines von 31 weißrussischen Kindern, die sich drei Wochen in Löhne von ihrer verstrahlten Heimatregion Tschernobyl erholen.

Ein Programmpunkt der Freizeit ist das Funken mit Mitgliedern des deutschen Amateur-Radioclubs. Fünf Mitglieder aus den Ortsverbänden Herford und Bielefeld sind ins Naturhaus gekommen, in dem die Kinder den ersten Teil ihrer Deutschlandferien verbringen.

Während die Funker noch eine Antenne für den Kurzwellenfunk bauen, basteln die Neun-bis 13-Jährigen zu zweit zunächst eine Alarmanlage oder eine Morsetaste. Hilfe bekommen sie dabei von Olga Teiz. Die 16-Jährige spricht fließend Russisch und erklärt den Kindern, wie sie richtig mit dem Lötstab umgehen.

"Funken ist unter den Russen ein weit verbreitetes Hobby", erzählt Werner Vollmer, der bei den Amateurfunkern für die Jugendarbeit und Ausbildung zuständig ist. Etwa ein Jahr dauert die Ausbildung zum Funker. Dabei lernt man etwa, dass jeder Funker sein eigenes Rufzeichen hat. Das Präfix, also die ersten Buchstaben, sind die Landeskennung. Das Suffix aus Buchstaben und Ziffern dahinter ist die persönliche Kennung.

Das Präfix EW steht für Weißrussland. "Vielleicht haben wir Glück und es meldet sich jemand", sagt Vollmer, als er in dem Bereich, den die Amateurfunker benutzen dürfen, nach einem Gesprächspartner sucht. Plötzlich ist eine Stimme zu hören. Das Gespräch ist allerdings auf Englisch, Anne kann nichts verstehen. "Das muss nichts heißen, schließlich funken die Amateure in die ganze Welt und können so fast alle Englisch."

Um doch noch einen (weiß)russischen Funkkontakt herzustellen, probiert Clubmitglied Slawa Sawin - ebenfalls der russischen Sprache mächtig - sein Glück und sendet auf einer freien Frequenz einen Aufruf. Gespanntes Warten. Doch eine Antwort bleibt aus. "Vermutlich sind die meisten Leute noch bei der Arbeit", mutmaßt Vollmer.

Den Kindern sieht man keine Enttäuschung an. Sie sind für Unterhaltung dankbar. "Funken hatten wir noch nie im Programm. Wir sind froh, es den Kindern anbieten zu können", sagt Ludwig von Behren vom Verein "Kinder aus Tschernobyl in Herford", der den Erholungsurlaub organisiert. Dann verrät er, was ihm ein Mädchen einst auf die Frage geantwortet hat, was sie an ihrem Deutschland-Besuch am schönsten fand: "Dass wir Kinder hier so ernst genommen werden."

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