LÖHNE Kulturschock mit Busserl

Nicole Mtawa liest aus ihrem Buch "Sternendiebe. Mein Leben in Afrika."

VON CAROLIN NIEDER-ENTGELMEIER
Nicole Mtawa reiste in viele Länder. In Tansania änderte sich ihr Leben radikal. - © FOTO: NIEDER-ENTGELMEIER
Nicole Mtawa reiste in viele Länder. In Tansania änderte sich ihr Leben radikal. | © FOTO: NIEDER-ENTGELMEIER

Löhne. Von einem Kulturschock ist schnell die Rede, wenn zwei Menschen unterschiedlicher kultureller Hintergründe aufeinandertreffen. Wenn Nicole und Juma Mtawa von einem Kulturschock reden, nimmt dieses Wort andere Ausmaße an. Ausmaße, die sie jetzt in der Stadtbücherei vorstellten.

16 Jahre lang lebte Juma auf der Straße. Der junge Afrikaner war abgemagert, todkrank und drogenabhängig. Heute freut er sich über sein deutsches Leibgericht Würstchen mit Spätzle, lacht über seine Schwiegermutter mit Lockenwicklern im Haar und fühlt sich dank der schwäbischen Busserl der Großmutter seiner Frau nicht mehr so fremd in Deutschland.

"Das Buch von Nicole Mtawa können Sie heute leider nicht kaufen", sagte Gertrud Robbes zur Begrüßung, denn die erste Auflage von "Sternendiebe. Mein Leben in Afrika" ist seit Dezember im Handel und - ausverkauft.

"Der Erfolg kommt wirklich überraschend, aber die zweite Auflage ist bald wieder zu haben", sagte Nicole Mtawa, die mit ihrem Mann Juma durch Deutschland reist und ihr Buch vorstellt. Mit dem Erlös finanziert Mtawa ihren Verein "Human Dreams". "Ich möchte im November damit beginnen, ein Heim für vollpflegebedürftige Kinder zu errichten", erklärte Nicole Mtawa.

Mit Fotos aus Australien, Indien und Tansania und sehr persönlichen Passagen aus ihrem Buch schilderte Nicole Mtawa ihrem Publikum von ihrem Leben in fremden Kulturen. "Ich habe mich in der Konsumwelt nie zu Hause gefühlt und mit Anfang 20 meine Leidenschaft für andere Welten entdeckt", erzählte die Schwäbin, die während ihres Studiums nach Tansania und Indien reiste. "Ich habe im Sommer studiert und bin im Winter gereist. In Tansania habe ich mein praktisches Semester verbracht und meine Diplomarbeit geschrieben."

Im Vordergrund stand aber nicht das Studium. "Ich wollte Armut kennenlernen, mit mittellosen Menschen zusammenleben, sie verstehen und ihnen zielgerichtet helfen", sagte Nicole Mtawa, die sich ihren Lebenstraum in Afrika erfüllen konnte. "Ein Mann war da nicht eingeplant", erzählte die Schwäbin und musste lachen. "Juma hat meine Welt auf den Kopf gestellt." Aus engen deutsch-afrikanischen Freunden entwickelte sich mit viel Durchhaltevermögen ein deutsch-afrikanisches Ehepaar. Eine Liebesgeschichte - mit viel nüchterner Realität.

"Es war nie ein Schock für mich, es war Faszination - von Jumas Welt und seiner Ehrlichkeit. Trotz seines harten Lebens ist er ein weicher Mensch", sagte Nicole Mtawa. Vor Juma waren es vor allem Kinder, die sie verändert haben. "Man verliert Ängste und beginnt zu leben, trotz der Armut kann man einzelnen Menschen helfen."
Wie erfolgreich Hilfe sein kann, erlebte Mtawa mit dem indischen Jungen Ganesh. "Er war nur noch Haut und Knochen und konnte nicht selber essen. Ich habe ihn gepflegt und aufgepäppelt. Aus seiner schmerzverzerrten Grimasse wurde ein strahlendendes Lächeln."

Ihren Lebensunterhalt verdient sich das binationale Ehepaar heute in Europa. Die restliche Zeit des Jahres verbringt es in der größten Stadt Tansanias, Dar es Salaam, im selbst gebauten Haus. "Wir leben so, wie wir uns fühlen, und so, wie das Geld reicht", erklärte Nicole Mtawa. "Seitdem ich das erste Mal in Tansania war, habe ich mein Leben in Deutschland aufgegeben." Sie hat nicht nur Swahili gelernt, sondern auch, nur mit einem kleinen Rucksack zu leben.

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