Erst arbeiten dann Schule: Damit die Außenstelle Löhne des Abendgymnasiums Bielefeld nicht geschlossen wird, bedarf es mehr Anmeldungen. Durch die Unflexibilität einiger Unternehmen, so der Koordinator, sei das schwierig. - © iStock
Erst arbeiten dann Schule: Damit die Außenstelle Löhne des Abendgymnasiums Bielefeld nicht geschlossen wird, bedarf es mehr Anmeldungen. Durch die Unflexibilität einiger Unternehmen, so der Koordinator, sei das schwierig. | © iStock

Löhne Tagsüber arbeiten, abends zur Schule

Sechs junge Erwachsene haben ihr Abi in der Tasche. Löhner Außenstellenkoordinator der Abendschule bemängelt die Unflexibilität vieler Unternehmen. Anmeldung für neues Schuljahr noch möglich

Susanne Barth

Löhne. Jessica Weitkamp hatte drei Jahre lang drei Jobs auf einmal: Haushalt, Schule und ihre Arbeit als Zahnmedizinische Fachangestellte. Um beruflich weiter aufzusteigen, besuchte sie das Abendgymnasium in Löhne. Dort hat sie jetzt ihr Abitur nachgeholt. Weitkamp ist ehrgeizig, ans Abbrechen hat sie nie gedacht: "Ich war überzeugt das durchzuziehen und dann mache ich das auch", sagt die Löhnerin, die sich jetzt an der Uni Bielefeld für Umweltwissenschaften einschreiben will. Nicht alle, die sich zum Abendgymnasium angemeldet haben, haben es bis zum Ende geschafft. Das liege nicht an der mangelnden Lust zu Lernen, sondern am System, ist der Löhner Außenstellenkoordinator Joseph Oeding überzeugt. "Das Abendgymnasium hat einen schlechten Stand", sagt er. Die Schüler müssen jederzeit arbeiten können, doch nicht immer lässt sich die Arbeit mit der Schule vereinbaren. "Jetzt bricht gerade wieder jemand ab", sagt Oeding, den es maßlos ärgert, dass das Abendgymnasium nicht als Fortbildung gilt. "Ich musste dreimal die Stelle wechseln" Seine Forderung: "Die Politik müsste es anders einordnen." Das Abendgymnasium müsse mehr respektiert werden. Schließlich mache es Sinn, so Oeding, sich zu qualifizieren. "Was besseres, als sich weiterzubilden, kann dem Staat doch eigentlich nicht passieren." Das findet auch Andreas Hildebrandt. Der 27-Jährige hat sein Abitur bestanden, obwohl er bei seiner Arbeit einige Steine in den Weg gelegt bekommen hat. "Es macht nicht jeder Arbeitgeber mit", sagt der gelernte Zerspanungsmechaniker. Während der Abendschule hat Hildebrandt dreimal seine Arbeitsstelle gewechselt. "Ein Jahr lang musste ich nur nachts arbeiten, weil es anders nicht realisierbar war, beides unter den Hut zu kriegen." Aufgegeben hat er trotzdem nicht: "Ich wollte mein Abi machen, um Maschinenbau zu studieren", sagt Hildebrandt, der von Lübbecke aus die Schule in Löhne besucht hat. Fünf Abende die Woche immer von 17.45 bis 21.45 Uhr drückten Hildebrandt, Weitkamp und die anderen die Schulbank. "Manchem fallen da schon mal die Augen zu", berichtet Oeding. Kein Wunder. Schließlich haben die Schüler meist schon den ganzen Tag lang gearbeitet. "Andere müssen anschließend zur Nachtschicht." Manche würden, um ihr Ziel erreichen zu können, auf Einkommen und Sicherheit verzichten und einen anderen Job annehmen, bei dem sie flexibler sind. Kommt dann noch ein Kind ins Spiel, werde die Organisation noch schwieriger. Wie sich alles unter den Hut bringen lässt, sei eine gesellschaftliche Frage, sagt eine Sprecherin vom Landesschulministerium. Viele Abendgymnasien in NRW haben daher reagiert. Ein Wandel finde laut Schulministerium statt. So gibt es oft nicht nur Kurse am Abend, sondern auch vormittags. "Abendgymnasien passen sich an und sind so flexibler in Richtung Arbeitgeber", so die Sprecherin. Das trifft auf das Abendgymnasium Bielefeld teilweise zu. Bielefeld bietet Unterricht auch vormittags an, die Zweigstellen Löhne, Detmold und Gütersloh aber nur in den Abendstunden. Auch ließe sich bei einigen Schulen online sein Abitur ablegen. "Da ist man zur Hälfte in der Schule, zur Hälfte lernt man aber Zuhause." Nach Erfahrungen des Pressesprechers der Industrie- und Handelskammer (IHK) Ostwestfalen zu Bielefeld, sind Arbeitgeber generell an eine Weiterbildung ihrer Arbeitnehmer interessiert. Gerade in Zeiten des Fachkräftemangels können so gute Leute den Unternehmen erhalten bleiben, berichtet Jörg Deibert. "Mit Weiterbildung können Perspektiven gegeben werden." Er setzt auf eine "individuelle Absprache". Schwierig sei die wohl im Schichtbetrieb aufgrund der Arbeitszeiten. Deibert: "Es kann ja kein Maschinenzug angehalten werden, nur weil jemand in die Schule muss." Die Handwerkskammer setzt auf andere Weiterbildungsmöglichkeiten. "Im Handwerk lässt sich auch ohne Abi Karriere machen", sagt die Pressesprecherin aus Bielefeld, Dilek Güzel. Nach der Ausbildung könne man seinen Meister machen. Güzel: "Dann können sie auch studieren."

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