Fotoalbum mit Erinnerungen: Friedrich Schütte (82) hat im Hungerwinter 1946/47 gefroren, aber nicht gehungert. Als 13-Jähriger sammelte er an der Tankstelle Dröppelsprit, tauschte ihn gegen Zigarren und bekam dafür Lebensmittel. - © Ulf Hanke
Fotoalbum mit Erinnerungen: Friedrich Schütte (82) hat im Hungerwinter 1946/47 gefroren, aber nicht gehungert. Als 13-Jähriger sammelte er an der Tankstelle Dröppelsprit, tauschte ihn gegen Zigarren und bekam dafür Lebensmittel. | © Ulf Hanke

Löhne Wie der Löhner Friedel Schütte den Hungerwinter erlebte

Steckrüben in Eiseskälte

Ulf Hanke

Löhne. Das Werre-Hochwasser riss Anfang 1946 fruchtbare Böden fort. Getreide konnte nicht rechtzeitig ausgesät werden, im Herbst schrumpften die Ernten, der Schwarzmarkt blühte. Der darauffolgende Winter wird deshalb oft als "Hungerwinter" beschrieben. Er kam besonders früh und war besonders kalt. Für Friedel Schütte war die Zeit trotz aller Entbehrungen vor allem eine Zeit der gegenseitigen Hilfe. "Überleben war alles", erzählt der Bauerssohn, Journalist und Heimatforscher. Schütte ist einer von vielen Zeitzeugen, die sich für unser Weihnachtsbuch an den Steckrübenwinter erinnern. Zum Hof Schütte in Mennighüffen gehörten zehn Hektar Fläche. "Zwei Hektar Weizenland waren weg, da lag nur blanker Kies", erzählt Schütte. Als 13-Jähriger half er seinem Vater nach der Werreflut, den nahen Deich abzutragen und den halbwegs fruchtbaren Boden auf dem Kiesbett zu verteilen, um wenigstens auf dieser dünnen Schicht säen und ernten zu können. Im ländlichen Löhne gab es keine Hungerepedemie, aber 1946 tatsächlich wenig zu essen, erläutert Stadtarchivar Joachim Kuschke. Die Gemeindevertretung von Mennighüffen beschloss noch im Oktober 1945, den Sportplatz Drosselhain "aus ernährungspolitischen Gründen" ein Jahr lang als Kleingartenland zu verpachten. Erst vier Jahre später, 1949, konnten wieder Vereine auf den Platz. Auch Sportplätze in Gohfeld und auf dem Bischofshagen dienten als Kleingärten. "Das Hauptproblem war die Kälte", sagt Kuschke. Die Temperaturen fielen noch im Herbst 1946 in den zweistelligen Minusbereich. Nach den Kriegsjahren schrumpfte der Tod wieder auf Normalmaß. Die Löhner der Nachkriegszeit starben nicht am Hunger, allerdings setzten Mangelernährung und vor allem Kälte besonders Alten und Schwachen zu: Die häufigsten Todesursachen waren laut Sterberegister der Gemeinde Gohfeld Lebensschwäche, Altersschwäche, Herzschlag, Herzschwäche oder Lungenentzündung. Die Überlebensstrategien waren in Stadt und Land unterschiedlich und doch ganz ähnlich: Überall wurde getauscht und gehandelt, um an Essen zu kommen. Brennmaterial war Mangelware. In Löhne waren ein Jahr zuvor schon die Bäume entlang ganzer Straßenzüge gefällt und verheizt worden. Die Gemeindevertretung Obernbeck hatte bereits im Herbst 1945 sämtliche Linden entlang der Wilhelmstraße, Sandstraße und Tonwerkstraße fällen lassen. Der Löhner Bahnhof entwickelte sich zur Drehscheibe für Stadtmenschen, die auf dem Land Essbares kaufen wollten. Der Ostscheider Volksschullehrer Hinrich Henke notierte in seiner Schulchronik: "Die Züge sind überfüllt von Kartoffelhamstern." Die Menschen kamen mit Geld, Schmuck und Wertsachen, um sie gegen Essbares einzutauschen. Für ein Pfund Speck wurden 200 Reichsmark geboten. "Wir haben gehungert, aber niemand ist verhungert", sagt der 83-jährige Friedrich Schütte. Die Mennighüffener Bauersfamilie hatte etwas Vieh und schlachtete heimlich. Außerdem deckte der eigene Steckrübenacker den täglichen Bedarf. Acht Familien wohnten auf dem Hof, Evakuierte und Flüchtlinge waren dort einquartiert worden. Im Herbst 1946 mussten die Kinder raus aufs Feld und mit blanken Händen Rüben ziehen: "Mein Vater war guter Landwirt, aber ein harter Typ", sagt Friedrich Schütte. Weil der Frost schon so früh und heftig kam, war die Rübenernte nicht berauschend. Mutter Mathilde kochte mit ihren Rezepten und dem schwarz geschlachteten Schwein dennoch schmackhafte Mahlzeiten mit Steckrüben. Schütte erzählt gern von seiner ersten Badehose, die eine Hofbewohnerin für ihn aus einer alten Hakenkreuzfahne nähte. Oder seinem Konfirmationsanzug aus Zuckersäcken, die Buntfalte mit Seife gestärkt. Sie hielt gerade so lange, dass der Dorffotograf sein Foto machen konnte, schon beim Hinsetzen knitterte der Anzug. Friedrich Schütte erinnert sich aber auch an ein Baby, das während der Flucht mit der Familie aus Ostpreußen zur Welt gekommen war, noch 1945 den Hof in Mennighüffen erreichte, aber dann völlig entkräftet und unterernährt verstarb. Friedrich Schütte: "Das war die traurigste Beerdigung, die ich je erlebt habe." Die Erinnerungen an diese schwere Zeit sind in dem Buch "Der Hungerwinter 1946/47 in Ostwestfalen-Lippe" erschienen. Dort ist der Zeitzeugen-Bericht mit "Brot ins Boot und Dröppelsprit überschrieben." Neben dieser Geschichte stehen auch zahlreiche andere Texte zum Thema im Buch. Es kann in allen Geschäftsstellen der NW gekauft werden (14,95 Euro). In Löhne befindet sie sich an der Lübbecker Straße 9.

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