Löhne Fahrtwind eines ICE bringt am Löhner Bahnhof Kind in Gefahr

Die Bahn hält ihre Sicherheitsmaßnahmen zwar für ausreichend, dennoch kommt es immer wieder zu brenzligen Situationen

Felix Eisele

Löhne. Eigentlich, so sagt Reinhard Umlauft, kenne er sich am Löhner Bahnhof gut aus. Was er aber am Mittwoch dort erlebte, war auch für ihn neu: Um ein Haar wäre er Zeuge eines tragischen Unglücks geworden. Hauptakteur: Ein durchfahrender Intercity-Express (ICE). Der Löhner spricht von einer Gefahr für wartende Gäste, die Bahn hingegen von ausreichender Sicherheit. Die Geschwindigkeit des Zuges ist es, die Reinhard Umlauft zornig macht. "Viel zu schnell", so seine Meinung, sei dieser durch den Bahnhof gefahren. Das genaue Tempo wisse er zwar nicht, aber es war zumindest ausreichend, um für einen kurzen Schockmoment zu sorgen. Punkt 17.55 zeigte die Bahnhofsuhr, als sich auf dem Bahnsteig zu Gleis 12 die dramatische Szene abspielte. "Eine Familie mit Kindern wartete genau wie ich auf einen Regionalzug", beschreibt Umlauft. "Zwei der Kinder tollten ein wenig herum, hielten zu den Schienen aber ausreichend Abstand." Plötzlich sei dann der ICE vorbei gerast. Ohne Vorwarnung, ohne großartige Geräusche. Dafür aber mit einem derart hohen Tempo, dass der Fahrtwind eines der Kinder sofort von den Beinen riss. "Sie fiel auf den Bauch und blieb Gott sei Dank auf dem Bahnsteig liegen", sagt Umlauft, der sofort zu dem Mädchen eilte, um zu helfen. Durchfahrtsgeschwindigkeit liegt maximal bei 160 Km/h Gemeinsam mit ihrem Vater habe er sie wieder auf die Beine gestellt. "Aber das war schon sehr beklemmend: Fast hätte die Familie ein Mitglied verloren." Auch deshalb fehle ihm jedes Verständnis, warum ein ICE so schnell einen Bahnhof passieren darf und noch nicht einmal per Ansage gewarnt wird. Das aber hat durchaus seinen Grund, beteuert die Deutsche Bahn. Die maximale Durchfahrtsgeschwindigkeit, so ein Sprecher des Unternehmens, betrage 160 Kilometer pro Stunde. "Deshalb gibt es genaue Vorgaben, dass wir bei ICE-Zügen erst ab 161 Stundenkilometern Durchsagen machen, bei Güterzügen ab 120", sagt der Mann, der nicht namentlich genannt werden will. "Damit erfüllen wir unsere Pflicht nach der Eisenbahn Bau- und Betriebsordnung." Weitergehende Warndurchsagen seien schlichtweg nicht üblich. Dennoch kommt es auch bei den derzeitigen Standards immer wieder zu Zwischenfällen. Allein zwischen den Jahren 2006 bis 2010 wurden bundesweit mehr als 50 Unfälle auf Bahnsteigen registriert, 18 davon gingen tödlich aus.Bei einer Vielzahl war die Sogwirkung des Zuges ausschlaggebend. Verantwortlich dafür sind Luftverwirbelungen, die vor allem zwischen den Waggons entstehen und nach Meinung von Aerodynamikexperten sogar Orkanstärke erreichen können. Weitere Maßnahmen erst ab 200 Km/h Dennoch hält die Bahn ihre bisherigen Sicherheitsstandards für ausreichend. "Wir haben die rot-gelben Sicherheitsschilder und die weiße Linie", sagt der Sprecher. Wer sich dahinter aufhalte, für den bestehe schon jetzt keinerlei Gefahr. Und zusätzliche Maßnahmen seien erst bei Durchfahrtgeschwindigkeiten von mehr als 200 km/h nötig. Nicht nur Reinhard Umlauf hält diese Einschätzung allerdings für einen Trugschluss. "Das Kind war von der Sicherheitslinie noch ein gutes Stück entfernt und wurde trotzdem erfasst", sagt er. Schon allein deshalb könne von ausreichender Sicherheit keine Rede sein. "Und warum keine regelmäßigen Warndurchsagen möglich sein sollen, leuchtet mir auch nicht ein." Umlauft kann daher nur alle Wartenden am Löhner Bahnhof warnen und auf einen ausreichenden Abstand zur Bahnsteigkante verweisen. "Denn hören tut man die modernen Züge auch erst sehr spät."

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