Überflutete Bahnhofsstraße - © privat
Überflutete Bahnhofsstraße | © privat

Löhne Als das Wasser der Werre stieg

Stichtag: Zeitzeugen erinnern sich mit Fotos und Anekdoten an das Hochwasser vor 70 Jahren

»Am meisten haben die Eltern gelitten« Ich habe im Bett gelegen, als mein Vater von draußen rief: Das Wasser kommt", erinnert sich Karl-Heinz Lücking (85). Der damals 15-Jährige sprang aus dem Bett und schlüpfte in seine Knobelbecher (Stiefel). „Der Raum, in dem ich geschlafen habe, lag eine Stufe höher als der Rest des Hauses. Als ich aus dem Zimmer ging, lief das Wasser schon in meine Schuhe." Lücking wohnte mit seiner Familie in dem Fachwerkhaus an der Bahnhofstraße, dass wir in unserer Dienstagsausgabe gezeigt haben. Dazu gehörten auch seine Schwestern Elisabeth Möws (90) und Irmgard Brackmann (80). Die Familie hatte ihr Haus bei dem Bombenangriff im März 1945 verloren. Der Fachwerkkotten war eher eine Notunterkunft. Der Vater der Geschwister war auf dem Weg zur Arbeit bei der Post, als das Wasser kam. Er sei nach nur wenigen Metern wieder umgeehrt. „Der hat uns gewarnt", sagt Elisabeth Möws. Ihre Schwester Irmgard wurde vom Vater gerettet. „Er hat mich auf den Arm genommen und zu unseren Nachbarn gebracht, deren Haus etwas höher lag." Im Fachwerkhaus der Lückings stand das Wasser höher als einen Meter. „Der Ofen war nicht mehr zu sehen", sagt Lücking. „Das Sofa haben wir noch auf den Tisch gestellt. Doch dazu war es eigentlich zu spät, es war total nass", erinnert sich Brackmann. Traurig war Karl-Heinz Lücking über den Verlust seiner Kaninchen. „Die sind in ihren Käfigen ertrunken." Bewegt sind die Geschwister, als sie sich erinnern. „Am meisten haben unsere Eltern gelitten. Erst ausgebombt und dann die Flut. Das muss für die wie ein Weltuntergang gewesen sein", sagt Lücking. »Ein Glück, dass Vater so hoch gebaut hat« 15 Jahre alt war Ursula Tielkemeier geb. Koch als das Jahrhunderthochwasser 1946 Teile von Löhne überflutete. Die heute 84-Jährige wohnte damals mit ihrer jüngeren Schwester und den Eltern an der Deichstraße. „Wir hatten gerade nach dem Bombenangriff alles wieder in Ordnung gebracht, dann kam die nächste Katastrophe", erinnert sie sich. Durch den siebten Sinn der Mutter, wie Tielkemeier es nennt, konnte die Familie das Schlimmste verhindern. „Meine Mutter sagte nachts schon, dass das Hochwasser kommt." Um 2 Uhr früh sei sie noch am Deich entlang gegangen. „Sie beobachtete, wie langsam der Damm bricht", berichtet Tielkemeier. So konnte sich die Familie auf das Hochwasser einrichten. „Kartoffeln, unser Fleisch und andere Lebensmittel haben wir vom Keller nach oben getragen." Doch etwas hatten sie vergessen: die Kohlen. „Als das Wasser schon kniehoch stand, bin ich nochmal mit Eimern in den Keller gegangen und habe Kohlen hochgeholt." Der Keller lief 1946 komplett voll. „Und es wären nur noch wenige Zentimeter gewesen, dann wäre das Wasser auch ins Wohnhaus geflossen", erinnert sie sich. „Unser Glück war", sagt Tielkemeier, „dass unser Vater so hoch gebaut hat." »Die Brücke stand im Wasser« Willi Imort wohnte damals in der Köstertraße in Obernbeck. Diese Straße war nicht von der Flut betroffen. Der heute 87-Jährige war damals 17 Jahre alt. „Ich weiß noch, dass ich an diesem Tag mit der Bahn nach Vlotho musste", erinnert er sich. Bis zur Kohlenhandlung Harre, die am Wallücker Bahnweg lag, kam er noch ohne Probleme. „Da stand dann das Wasser." Er macht eine kleinen Umweg und ging auch über die Lübbecker Straße. „Das war am Morgen noch kein Problem." So schaffte er es noch relativ problemlos zum Bahnhof. Schwierig sei es geworden, als er am Nachmittag aus Vlotho zurück kam. „Da stand die gesamte Lübbecker Straße unter Wasser. Ein deutscher Fahrer eines englischen Armee-Lkw hat mich mitgenommen." Da habe er auf dem Trittbrett mitfahren dürfen. Später sei er dann mit einem Kumpel nach Löhne-Ort. „Wir waren neugierig, wollten sehen, wie es da aussieht. Wir sind über die Fünf-Pfennigs-Brücke gegangen, da standen wir direkt auf dem Wasser." Nach seiner Erinnerung sei das Wasser wieder relativ schnell abgeflossen. „Jede Menge Zeug wurde angeschwemmt. Auch viel Holz. Das konnten wir als Heizmaterial gut gebrauchen." »Nach dem Wasser kam der Dreck« Aus zwei Perspektiven haben die Schwestern Marlene und Hedwig das Hochwasser erlebt. Die ältere der beiden, Marlene Klinger, wohnte damals in Bonneberg bei Vlotho. Dort arbeitete die heute 93-Jährige als Lehrerin. Mit dem Rad wollte sie ihre Schwester in Löhne besuchen. „Ich bin über die Lohe und Bischofshagen nach Hause gefahren und auf einmal sah ich das Wasser", erzählt Marlene Klinger. An der Ecke Lübbecker Straße / Bahnhofstraße konnte sie nicht weiter. „Keinen Schritt." Plötzlich sah sie einen Mann in einem Boot über die Bahnhofsstraße schippern. Ein unbekanntes Bild, mit einer bekannten Person: Günter Harre (siehe Foto r.) soll im Boot gesessen haben. „Ich lehnte mein Rad an den Schuhladen und fuhr mit." Die letzte Stufe des Elternhauses in der Schwanenburgstraße konnte Klinger vom Boot aus erreichen, ohne ins Wasser zu treten. Der Keller stand voll. Schwester Hedwig Rother hat das Hochwasser vom Haus aus beobachtet. „Das vergesse ich nie", sagt sie. „Es goss in Strömen und immer wieder schlugen Wellen gegen den Apfelbaum." Der stand vor 70 Jahren im Vorgarten. 20 Jahre alt war Rother damals. Alleine mit vier aufgenommenen Kriegsflüchtlingen aus dem Ruhrgebiet wohnte sie in dem Haus. Das obere Stockwerk war vermietet. Das Wasser stieg und stieg: „Ich habe nur gedacht, hoffentlich kommt es nicht in die Wohnung rein", sagt Rother. Das passierte nicht, „das war schon mal viel Wert". Dennoch musste sie die Kohlen und Kartoffeln retten. Geblieben ist vor allem Dreck. „Der war überall, als das Wasser abfloss", erzählt die heute 91-Jährige. Tagelang habe sie geschrubbt. „Und ich konnte drei Tage nicht arbeiten gehen." Schlimmer aber war die Er-
kältung, die sie davon getragen hat. „Monatelang habe ich gehustet, es war furchtbar. Ich will das alles nicht nochmal erleben."

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