Einsatz von Glyphosat: Bevor gepflügt wird, werden die Wildkräuter zerstört. Glyphosat wird dann gespritzt, um den kompletten Bewuchs ganzer Äcker totzuspritzen. Die so zerstörte Pflanzendecke lässt sich leichter pflügen, was nach Herstellerangaben zu erheblichen Einsparungen von Dieselkosten führt. - © Foto: Karl-Heinz Niehus
Einsatz von Glyphosat: Bevor gepflügt wird, werden die Wildkräuter zerstört. Glyphosat wird dann gespritzt, um den kompletten Bewuchs ganzer Äcker totzuspritzen. Die so zerstörte Pflanzendecke lässt sich leichter pflügen, was nach Herstellerangaben zu erheblichen Einsparungen von Dieselkosten führt. | © Foto: Karl-Heinz Niehus

Löhne Bürger haben ihren Urin auf Glyphosat-Rückstände prüfen lassen

Zum Teil wurden hohe Anteile der Chemikalie nachgewiesen. Umstritten bleibt, ob der Stoff krebserregend ist

Dirk Windmöller

Löhne. Schon beim Frühstück lauert die Gefahr. Davon ist der Löhner Naturschützer Karl-Heinz Niehus überzeugt. Er und andere Mitglieder des Glyphosat-Teams der Naturgarteninitiative Löhne haben ihren Urin auf Glyphosat-Rückstände untersuchen lassen. Die Ergebnisse finden die Löhner erschütternd. Das Unkrautvernichtungsmittel Glyphosat gelangt nach Einschätzung von Experten durch die Nahrung in den menschlichen Körper.  Viele Naturschützer möchten die Chemikalie, die in der Landwirtschaft und von Kleingärtnern eingesetzt wird, verbieten lassen, weil sie im Verdacht steht, krebserregend zu sein. Befürworter halten Glyphosat für unbedenklich. Zahlreiche Mitglieder der Löhner Naturgarteninitiative kämpfen für ein Verbot. Eine Frau aus der Gruppe hatte die Idee zum Urintest. „Sie hat die Aussage des BUND (Bund für Umwelt- und Naturschutz Deutschland) ernst genommen, dass Glyphosat in 70 Prozent der Bevölkerung nachweisbar ist", sagt Gruppensprecher Karl-Heinz Niehus. "Die Ergebnisse sind erschreckend" Die Frau und viele Mitglieder der Gruppe schickten eine Urinprobe an das Institut für ganzheitliche Labordiagnostik in Wittbek bei Husum. „Die Ergebnisse unserer Urinproben sind erschreckend", sagt Niehus. Er erklärt sein eigenes Testergebnis als Beispiel. Die EU gibt für Glyphosat im Trinkwasser einen strengen Grenzwert vor. Der liegt bei 0,1 Milligramm pro Liter. Es gibt jedoch keinen Grenzwert für den menschlichen Körper. „In meinem Urin wurden 1,15 Milligramm pro Liter nachgewiesen. Ich liege also um 900 Prozent über dem Grenzwert für Trinkwasser. Das ist unglaublich, dass ein Pflanzenschutzmittel in meinem Körper nachgewiesen wird", sagt Niehus. Auch bei den anderen Gruppenmitgliedern wurde eine oft hohe Glyphosatbelastung nachgewiesen. Besonders entsetzt sei eine Löhnerin gewesen, die sich seit Jahrzehnten von biologisch erzeugten Lebensmitteln ernährt.  „In ihrem Urin wurde eine Belastung von 0,85 Milligramm pro Liter ermittelt", sagt Niehus. Ihr frustrierendes Fazit: Selbst die Bio-Ernährung schütze sie nicht vor dem Unkrautvernichter im Körper. „Das Zeug gehört nicht in den menschlichen Körper" Nach Überzeugung von Niehus sind die Untersuchungsergebnisse ein Skandal. Es sei überhaupt nicht nachvollziehbar, dass es einen Grenzwert für Trinkwasser gebe, aber keinen für die Glyphosatbelastung im menschlichen Körper. Das sieht auch Experte Stefan Georgius Moellhausen vom  Institut für ganzheitliche Labordiagnostik so. Er bestätigt die zum Teil sehr hohen Werte der Löhner, die ihre Proben eingeschickt haben. „Das Problem ist der fehlende Grenzwert für Glyphosat-Rückstände im menschlichen Körper", sagt er. Das sie völlig inkonsequent. Auch wenn noch immer nicht klar sei, ob Glyphosat krebserregend sei oder nicht, steht für ihn fest: „Das Zeug gehört nicht in den menschlichen Körper." Für Karl-Heinz Niehus ist durch die Untersuchung belegt, dass sich Glyphosat nicht, wie oft von Befürwortern behauptet abbaut, bevor zum Beispiel Getreide für Brot und Brötchen weiterverarbeitet wird. „Die Aussage, dass es nach dem Spritzen zersetzt wird, ist falsch." Weltweit intensiv eingesetzt Bernhard Rüb, Sprecher der Landwirtschaftskammer Nordrhein-Westfalen kennt die hitzige Diskussion um die Frage der Schädlichkeit. „Ob Glyphosat ein Gesundheitsrisiko darstellt, ist heftig umstritten." Es sei jedoch klar, dass es nicht in Brot und Brötchen hinein gehöre. Die Landwirtschaftskammer NRW rate, Glyphosat lange vor der Ernte in sehr geringen Maßen einzusetzen. „Die Nutzung für die Sikkation (Reifebeschleunigung) lehnen wir ab." Das Problem sei, das in vielen Ländern weltweit Glyphosat intensiv eingesetzt werde. Da stelle sich dann die Frage, woher die Grundstoffe für die Produktion von Lebensmitteln in der globalisierten Wirtschaft kommen. Bernhard Rüb: „Im Brötchen kann zum Beispiel Getreide von drei Kontinenten sein."

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