Blättern in Geschichte: Chronist Friedel Schütte mit Zeitzeugin Erna Richter (99), der Tochter von Albert Gellermann. - © Ulf Hanke
Blättern in Geschichte: Chronist Friedel Schütte mit Zeitzeugin Erna Richter (99), der Tochter von Albert Gellermann. | © Ulf Hanke

Löhne Wie ein Löhner das NS-Regime lächerlich machte

Heimatforscher Friedel Schütte hat die Geschichte von Albert Gellermann aufgeschrieben

Ulf Hanke

Löhne. Der "rote Gellermann" war auf'm Dorf bekannt wie ein bunter Hund. Irgendwann in den 1930er-Jahren lackierte Albert Gellermann nämlich sämtliche Dachziegel seines Hauses in Mennighüffen Nr. 52 rot, obwohl nebenan der staatstreue Ortsbürgermeister Heinrich Geilker wohnte. "Dachziegel müssen rot, nicht braun sein", erklärte der Maler seinem Nachbarn. Und der ließ dem "dorfbekannten Dölmer" diesen Anstrich durchgehen. Für Heimatforscher Friedel Schütte ist das ein Beleg für den Mut und den politischen Witz des Mennighüffener Arbeiters. Schütte hat mehrere solcher Anekdoten um Gellermann gesammelt. Wichtigste Zeugin war Erna Richter, die älteste Tochter Gellermanns. Sie wird am Mittwoch 100 Jahre alt. Ihr Vater Albert Gellermann wurde nach dem Zweiten Weltkrieg zur wichtigen Figur des Wiederaufbaus. Er galt als "unbelastet" und verhalf vielen Flüchtlingen zu Wohnungen in Mennighüffen, bevor er viel zu früh 1946 bei mit seinem Fahrrad bei einem Verkehrsunfall tödlich verunglückte. Friedel Schütte und sein Jugendfreund Gerhard Rabe haben Gellermann persönlich gekannt und sich gemeinsam an ihn erinnert. Schütte hat alles aufgeschrieben, ganz ohne schriftliche Vorlagen. In den Archiven hat Schütte über den Mennighüffener Dölmer nämlich nichts gefunden. Aus vielen mündlichen Erzählungen hat der Autor aber dennoch zwei Jahre lang die Lebensgeschichte dieses außergewöhnlichen Mennighüffeners zusammengetragen. Gellermann, es muss um 1933 gewesen sein, war zum Beispiel so frech zu behaupten, dass er eine ganze Reihe von Mennighüffenern kenne, die Hitler nicht gewählt hätten. Als er Tage später bei der Befragung durch den Löhner Amtmann Belege für diese damals ungeheuerliche Behauptung beibringen sollte, zückte er einen Stapel Totenbriefe aus den Jahren vor 1933. Der gewitzte Sozialist machte so die Faschisten durch Fisimatenten lächerlich und blieb doch ein Einzelkämpfer im gleichgeschalteten Dorf. Die Geschichte des Nationalsozialismus in Löhne muss wegen Gellermann nicht neu geschrieben werden. Lachen unter Hitler war möglich. Und womöglich nur ein Ventil zum Dampfablassen. Der Humor des "roten Malers" Albert Gellermann offenbart aber demokratische Haltung in der Diktatur und gewährt Einblicke ins Alltagsleben der Mennighüffener. Gellermann wurde im Dreikaiserjahr 1888 in Ennigloh geboren und war damit ein Jahr älter als der Weltkriegsgefreite Adolf Hitler. Als Soldat auf Heimaturlaub kam Gellermann 1915 nach Mennighüffen und verliebte sich in die damals 21-jährige Luise Horstkotte. Am 27. Januar 1916 erblickte die gemeinsame Tochter Erna das Licht der Welt, sechs Monate später, am 21. Juli 1916 heirateten Luise und Albert Gellermann. Den Trauschein holten sich die beiden nicht in Mennighüffen, sondern in Bielefeld. Humor war für den katholischen Arbeiter aus Ennigloh im protestantisch geprägten Mennighüffen überlebenswichtig. Friedel Schütte, der seinen Nachbarn und "Hofmaler" Albert Gellermann als Kind häufig traf, erinnert sich an einen "belesenen Mann" und "tüchtigen Arbeiter mit fester, republikanischer Überzeugung", den nicht wenige Mennighüffener für einen "harmlosen Spinner" hielten. Beim Mühlespiel erlebte Schütte, wie Gellermann ihn durch geschicktes Setzen der Steine umzingelte und dem Nachbarsjungen damit auch eine taktische Lebensweisheit mit auf den Weg gab: "Halte dir immer wenigstens einen Ausweg offen." Dieses taktisch gewitzte Handeln hat Friedel Schütte auch in den Anekdoten wiederentdeckt, die über den "roten Gellermann" in Mennighüffen erzählt werden. Der hielt sich bei allen politischen Anspielungen stets eine entwaffnende Pointe offen und entkam so nach den Recherchen von Schütte offenbar stets den Häschern der Gestapo. Wir werden in den kommenden Wochen die biografische Erzählung von Friedel Schütte in loser Folge veröffentlichen.

realisiert durch evolver group