Mehr junge Leute in den Rat: Steven Link (17) will 2020 für die Wählerliste Jurats in den Löhner Stadtrat. Foto: Ulf Hanke - © Ulf Hanke
Mehr junge Leute in den Rat: Steven Link (17) will 2020 für die Wählerliste Jurats in den Löhner Stadtrat. Foto: Ulf Hanke | © Ulf Hanke

Löhne Früh übt sich in der Demokratie

Die Berliner taz hat zum Gespräch über Demokratie eingeladen. Im Bahnhof beherrschte dann aber der Bad Oeynhausener Verein „Jurats“ die Diskussion

Ulf Hanke

Löhne. Der Abend begann verheißungsvoll: „Empören Sie sich!", forderte taz-Redakteur Jan Feddersen von den Zuhörern im Löhner Bahnhof. Die Berliner Tageszeitung tourt durch die Republik, um für eine offene Gesellschaft zu streiten. Ein großer Streit ist an diesem Abend im ehemaligen Wartesaal dann aber nicht ausgebrochen. Dennoch gab es Widersprüche und ein beherrschendes Thema: den Generationenkonflikt. Jung gegen Alt, das war „der heiße Scheiß" (Jan Feddersen), über den die Löhner im unbeheizten Bahnhof diskutieren wollten. Da konnte Irene Esser von der Initiative „Löhne Umsteigen" noch so sehr den Löhner Bahnhof als demokratisches Projekt anpreisen und von den Mühen der Kommunalpolitik berichten. Der unausgesprochene Vorwurf der jungen Diskutanten, die gleich mehrere Stuhlreihen einnahmen, lautete: Die Alten machen Politik über unsere Köpfe. Die allgemeine Empörung darüber hielt sich allerdings in Grenzen. Und die jungen Leute, die an diesem Abend das Thema setzten, waren eigentlich schon einen Schritt weiter. Sie haben sich in dem Bad Oeynhausener Verein „Jurats" organisiert. „Jurats" hat sich zum Ziel gesetzt, bei der Kommunalwahl 2020 100 Menschen unter 25 Jahren in die Räte zu bringen. Wortführer und wichtigste Stimme des Jugendvereins ist der 50-jährige Rechtsanwalt Stefan Ott, der im Jahr 2015 in Bad Oeynhausen Bürgermeister werden wollte. Am Tisch mit dem taz-Redakteur Jan Feddersen, einem größeren Publikum als Eurovisions-Song-Contest-Kenner bekannt, saß für „Jurats" der 17-jährige Schüler Steven Link aus Mennighüffen. Link erzählte, was ihn bewegte: Löhner Schulen hätten „einen schlechten Ruf" und seien unterfinanziert. Und der Löhner Werre-Strand sei einfach weggespült worden. „Das Geld hätte man besser in den Bahnhof investiert." Die aktuellen Wahlplakate der Parteien nannte Link „inhaltsleer". Feddersen hörte sich das alles an und wollte dann wissen, was denn auf den Plakaten von „Jurats" stehe. Der Verein hat aber keine Plakate, die Link zitieren konnte. Am 14. Mai wird auch nicht der Stadtrat, sondern der Landtag gewählt, hier tritt der Verein nicht an. Das politische Programm von „Jurats" besteht aber auch darin, gar kein politisches Programm zu haben. „Jurats" will eine Art unpolitischer Vorschule für Kommunalpolitik sein, learning by doing – ohne Auslese und Willensbildungsprozess in Parteien. Feddersen gab sich damit nicht zufrieden und hakte nach: „Konkret. Wofür stehst Du?" Worauf Link zur Freude des Publikums sagte: „Für mehr öffentliche Mülltonnen. Davon gibt es viel zu wenig." Volker Hegemann vom Bündnis „Gemeinsam für Vielfalt" hielt dagegen. Hegemann hatte die taz mit einem Leserbrief nach Löhne gelockt. Grundsätzlich stünde er der Forderung „Jugend in die Räte" positiv gegenüber. Hegemann, der selbst Lehrer ist, fand auch, dass Schule zu wenig demokratisch organisiert ist. In Sachen Müll erinnerte Hegemann aber an eine irische Weisheit: Wer den Müll mitbringt, kann ihn auch wieder mitnehmen. So betrachtet, gebe es viel zu viele öffentliche Mülleimer. Gegen Ende der etwa zwei Stunden stellte die 25-jährige Isabel Gottschling, Kreisvorsitzende der „Sozialistischen Jugend Deutschlands – Die Falken" fest: „Ich bin eigentlich gekommen, um über Demokratie zu philosophieren, stattdessen halten wir uns mit dem Thema Jugend auf." Feddersen nahm die Kritik an, erinnerte aber auch daran, dass Demokratie das ist, was man daraus macht, was auch für die Debatte gilt. Für Löhne schüttelte Feddersen dann diesen Vorschlag zur Güte aus dem Ärmel: „Macht den Bahnhof zu einer Kathedrale der Zivilgesellschaft mit allen Schikanen, egal wie vielen Mülltonnen – aber vergesst die Heizung nicht."

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