Idyllisch: So sah die Gaststätte in den 1950er Jahren aus. Das Foto entstand aus dem Garten des Nachbarn heraus. reprO: HASELHORST - © Haselhorst
Idyllisch: So sah die Gaststätte in den 1950er Jahren aus. Das Foto entstand aus dem Garten des Nachbarn heraus. reprO: HASELHORST | © Haselhorst

Kirchlengern Ende Legende

Schluss nach 143 Jahren: Kurt und Ursel Schwarze führen die Gaststätte „Zum Eichenkrug“ seit 1973 in vierter Generation. Heute zapfen sie dort das letzte Bier

Meiko Haselhorst

Kirchlengern. Ursel Schwarze schaut aus dem Küchenfenster. „Den werde ich auch vermissen – vor allem im Frühling“, sagt sie und zeigt auf den alten Kirschbaum im Garten. Und ihre Kunden natürlich erst recht. Zumindest einen großen Teil davon. Ursel Schwarze und ihr Mann Kurt werden heute ihr letztes Bier ausschenken. Dann ist die 143-jährige Geschichte der Gaststätte „Zum Eichenkrug“ wohl für alle Zeiten beendet. Ihr Urgroßvater Heinrich Sundermeier hatte die Gaststätte 1874 gegründet, damals noch in Kombination mit einem Handel für Lebensmittel, Kohle und Flachs. Nach Großeltern und Eltern waren ab 1973 die Schwarzes am Zug. „Ich wollte eigentlich Pastor werden“, erzählt Kurt Schwarze. Es sei dann aber schnell klar gewesen, dass er in das Geschäft seiner Frau mit einsteigen würde. Seelsorger konnte er als Wirt ja trotzdem sein. „Anfangs haben wir nebenbei noch eine Tankstelle und einen Kohlehandel geführt“, erzählt er. Später habe man sich auf den Gasthof inklusive Fremdenzimmer konzentriert. Kurt Schwarze stand hinterm Zapfhahn, seine Frau meistens in der Küche, um die zahlreichen Gäste zu bekochen. Auch die, die den großen Festsaal gebucht hatten – Unternehmen, Vereine, Parteien und andere geschlossene Gesellschaften. Als der Dorfpolizist in den Graben fuhr Unzählige Geschichten spielten sich in 143 Jahren Eichenkrug ab. „Aber die Leute, die sie erzählen könnten, sind alle schon tot“, sagt Ursel Schwarze und winkt ab. „Hermann Witte zum Beispiel.“ Und dann sprudeln sie auf einmal doch, die Anekdoten, die sich angesammelt und für immer ins Gedächtnis eingebrannt haben: Die vom 70er-Jahre-Stammgast und begnadeten Witze-Erzähler Hermann Witte zum Beispiel, der anderen Gästen einst glaubhaft machen wollte, über ein neuartiges „Luftgebiss“ zu verfügen, das ihm das Essen von Heringen verbiete – eine Spezialität des Hauses. „Wenn ich auf eine Gräte beiße, habe ich einen Platten“, habe er gesagt. Ursel Schwarze amüsiert sich noch heute, wenn sie die Witte-Witze wiedergibt. Einen Platten hatte der Dorfpolizist, ein weiterer häufiger Gast, damals nicht – aber ein anderes Problem mit dem Auto. „Der hatte hier einen über den Durst getrunken und war dann mit seinem Käfer auf stark verschneiter Straße im Graben gelandet“, erzählt Kurt Schwarze, der den Mann mit seinem Lieferwagen aus der misslichen Lage befreien musste. „Die Geschichte geht aber noch weiter“, sagt Schwarze und lacht. Ein paar Minuten später habe der Polizist nämlich schon wieder in der Kneipe gestanden. „Kurt, du musst mich noch mal rausziehen“, habe er gesagt. „Hab’ noch mal dieselbe Spur genommen.“ Eine Tragödie zwang sie zum Weitermachen Dass es mit dem Eichenkrug in Kirchlengern nicht mehr weitergeht, hängt mit dem schlimmsten Ereignis im Leben der Schwarzes zusammen: mit dem tödlichen Unfall ihres Sohnes Torsten im Jahr 1998. Der junge Mann, so erzählen die Eltern, sei ebenfalls Gastronom aus Leidenschaft gewesen. „Es war klar, dass er den Gasthof übernehmen würde“, sagt Kurt Schwarze. Dann machte das Schicksal allen Plänen einen Strich durch die Rechnung. So kam es, dass Kurt und Ursel Schwarze bis heute ihre Kneipe weiterführen. „Aber irgendwann reicht’s“, sagt sie. „Ich bin 80 und mein Mann 79.“ Das Gebäude, es war auch das Wohnhaus der beiden, ist bereits verkauft. Welche Pläne der neue Besitzer hat, wissen sie nicht, aber eine Kneipe soll es offenbar nicht mehr sein. Kurt und Ursel Schwarze werden ihren Ruhestand in einer Wohnung in Bünde erleben. Mit Blick auf die Else. Und vielleicht steht auch irgendwo ein Kirschbaum.

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