Ostwestfälische Einöde: Umgeben von dicken Wolken und Runkelrüben – das Wartehäuschen am Brandmühlenweg könnte exemplarisch für die hiesige Gegend stehen. - © Foto: Meiko Haselhorst
Ostwestfälische Einöde: Umgeben von dicken Wolken und Runkelrüben – das Wartehäuschen am Brandmühlenweg könnte exemplarisch für die hiesige Gegend stehen. | © Foto: Meiko Haselhorst

Wo der Herbst Station macht

10-Minuten-Reportage (13): Nur ein kurzer Moment an einer Bushaltestelle auf dem Land genügt, um endgültige Gewissheit zu haben: Die dritte Jahreszeit hat begonnen

Kirchlengern Kirchlengern. Womöglich ließ der Bus hier mal zu lange auf sich warten. Zumindest aus Sicht des Wartenden. Könnte jedenfalls eine Erklärung für die zerdepperte Scheibe sein. Ein bisschen Flatterband hängt nass herab, ein paar spitze Glasreste weisen von den Rändern in das leere Innere des Rahmens. Auch ansonsten ist das Erscheinungsbild der Bushaltestelle Brandmühlenweg an der Hiddenhauser Straße an diesem trüben Oktobertag von eher destruktiver Natur. Unter den Schuhen befindet sich ein dicker und nasser Teppich aus braunen Linden- und Eichenblättern. Die ein oder andere Eichel und ein paar im Wind geborstene Ästchen liegen auch dazwischen. Über den Köpfen an der Neonröhre hängt eine dicke Kreuzspinne in ihrem Netz und wartet auf Beute. Von vorne weht der Wind ins Häuschen, das Tier hat seine liebe Mühe, sich festzuhalten.Das Plexiglasdach des Häuschens ist mit einem Feuerzeug angekokelt worden Von fern ist das Rauschen der A?30 zu vernehmen, aus der Nähe der Lärm der viel zu schnell in ihrer eigenen Gischt fahrenden Autos auf der regennassen Hiddenhauser Straße. Ein beleibter Herr mit Schirmmütze hupt sogar und hebt die Hand zum Gruße – warum, das bleibt sein Geheimnis. Vielleicht, weil er ein Auto hat – und die zwei armen Persönchen an der ungemütlichen Wartestelle nicht. Das Plexiglasdach des Häuschens ist an einigen Stellen von unten mit einem Feuerzeug angekokelt worden, offenbar langweilen sich die Leute hier häufiger. Grünspan und Moos auf der Außenseite fühlen sich hingegen sehr wohl. Auf dem Verteilerkasten – knapp zwei Meter entfernt – hat sich ein Sprayer verewigt, der Mülleimer des Wartehäuschens ist wundersamerweise verschont geblieben. Immerhin: Nach vorne heraus kann der Blick in die Weite schweifen. Nur das Wartehäuschen auf der anderen Straßenseite stört ein wenig. Am Himmel fegen dicke, graue und tiefhängende Wolken von Südwest in Richtung Nordost, der ein oder andere Regentropfen hängt in der Luft. Die Linde schräg gegenüber trägt schon jetzt kaum noch Laub in ihren schwarz und nass glänzenden Ästen.„Für wen ist dieses Wartehäuschen eigentlich gedacht?“ Hinter dem Baum erstreckt sich ein Runkelrübenfeld. Unter der Starkstromleitung ganz am Ende stehen ein paar braune und schwarze Pferde auf der Koppel, erst dann kommen die ersten geklinkerten Häuser. Ein Mann in Anorak und Mütze kommt mit seinem Hund einen Feldweg hinunterspaziert. „Für wen ist dieses Wartehäuschen eigentlich gedacht?“, will mit Blick auf die Einöde der NW-Praktikant wissen. Nicht ganz unberechtigt, die Frage. Wahrscheinlich für die Siedlung am Brandbach, der in diesen Tagen gut gefüllt die Wiese hinterm Bushäuschen durchschneidet. Apropos hinterm Häuschen: Unter einer großen Eiche präsentiert ein Hagebuttenstrauch seine leuchtend roten Früchte. Der Beweis: Der Herbst kann auch sehr farbenfroh und schön sein.

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