Im Gespräch: Andreas Hettich im Interview mit der NW. - © www.gerald-dunkel.de
Im Gespräch: Andreas Hettich im Interview mit der NW. | © www.gerald-dunkel.de

Bünde/Kirchlengern Andreas Hettich im Interview: „Wir wollen uns weltweit ausbreiten“

Die Hettich-Gruppe gehört zu den besten Familienunternehmen Deutschlands.

Katharina Georgi

Andreas Hettich erklärt, was seine Firma erfolgreich macht und wie sie sich für die Zukunft aufstellt Herr Hettich, Sie wurden als Top-Familienunternehmen identifiziert. Wie schafft man das? Was machen Sie anders als andere? Andreas Hettich: Ein Familienunternehmen ist nicht per se besser oder schlechter. Unsere Branche ist allerdings sehr von ihnen geprägt. 99 Prozent unserer Kunden sind selbst Familienunternehmen. Interessanterweise sogar weltweit, selbst in den USA. Was ein Familienunternehmen schon unterscheidet, ist einfach ein anderer Horizont. Ich bin jetzt in der vierten Generation und möchte das Unternehmen gern in die fünfte Generation führen. Das ist ein anderer Horizont, als wenn ich sage: Bis zum nächsten Jahresabschluss. Das gilt auch für Investitionsentscheidungen. Die Fabrikhalle, die wir gerade in Kirchlengern bauen, rechnet sich nicht in drei Jahren. Das muss sie auch nicht. Das ist eine Investition in die Zukunft. Wir können deutlich langfristiger agieren. Gilt das nur für Investitionen? Hettich: Auch unsere Beziehungen zu Kunden, Lieferanten oder anderen Partnern sind langjährig geprägt. Da geht man gemeinsam durch gute und schlechte Zeiten. Das sind Elemente, die ein Familienunternehmen auszeichnen. Es birgt aber auch gewisse Gefahren. Welche wären das? Hettich: Es birgt die Gefahr, dass nicht immer ganz so professionell agiert wird. Das hat Vor- und Nachteile. Es geht schneller, man kann sich auch mal über Themen hinweg setzen. Es darf aber auch nicht das Alleinige sein. Die Professionalität gehört dazu. Dafür muss man entsprechende Strukturen schaffen. Zum Beispiel . . . ? Hettich: Bei uns gibt es einen Beirat, der extern besetzt ist. Das haben wir bewusst als Kontrolle eingebaut. Eigentlich bräuchte ich das nicht. Es ist aber eine gute Selbstkontrolle, wenn es ein Gremium gibt, dem man Dinge erklären muss. Denn wenn man anderen Leuten Entscheidungen nicht erklären kann, dann sind sie meistens nicht gut. Man wird gezwungen, Dinge stärker zu durchdenken. So kann man daran arbeiten, Schwächen eines Familienunternehmens auszugleichen. Warum kann es an Professionalität fehlen? Hettich: Langjährige Beziehungen haben natürlich Vorteile. Sie bergen aber auch die Gefahr, dass man blind dafür wird, was rechts und links passiert. Jede Medaille hat zwei Seiten. Man muss schauen, dass man die Balance hält. Ich halte allerdings die Vorteile für viel wesentlicher. Vor allem, dass Eigentum und Entscheidung zusammenfällt. Das haben Aktienunternehmen nicht und das ist aus meiner Sicht ihre größte Schwäche. Familienunternehmen sind traditioneller orientiert. Hettich steht aber für Innovation. Ist das nicht ein Gegensatz? Hettich: Das sind schon Gegensätze. Wobei Tradition und Heimatverbundenheit ein Stück weit Sicherheit geben. Und Innovation braucht einen sicheren Raum. Das gilt eigentlich in allen Bereichen. Innovation braucht auch diesen etwas längeren Blick. Es ist gut, auch länger ausprobieren zu können. Ich gebe Ihnen recht, dass das durchaus auch eine Herausforderung ist. Wir sind ein altes Unternehmen. Wir haben sehr hohe Betriebszugehörigkeiten, also Mitarbeiter, die sehr sehr lange im Unternehmen sind. Man muss daran arbeiten, dass Innovationen nicht runter fallen, mit der Begründung: Haben wir schon immer so gemacht. Spielt dabei auch die Branche eine Rolle? Hettich: Wir haben eine sehr technisch getriebene Tradition. Mein Opa, mein Vater, ich selber, wir sind alles Ingenieure. Wir haben viel Freude an technischen Dingen, was schon innovationsaffin ist. Innovationen in anderen Feldern, die nicht so technisch orientiert sind, fallen uns vielleicht schwerer als beispielsweise Start Ups. Die haben keine Historie und damit auch keine Hemmnisse. Dafür haben sie andere Probleme, kein Umfeld, keine Struktur. Jetzt bewegen wir uns zugegebenermaßen in einer sehr konservativen Branche. Das hat auch seine Vor- und Nachteile. Die Branche hat ganz gute, aber keine spektakulären Jahre hinter sich. Auch die schlechten Jahre sind meistens nicht so spektakulär schlecht. Das zeichnet die Branche aus. Es ist eine relativ kontinuierliche Entwicklung. Trotzdem waren für Ihr Unternehmen die letzten Jahre durchwachsen. Woran lag das?Hettich: Das hat damit zu tun, dass einige Branchen Schwierigkeiten haben. Auch, dass Stauraum im Wohnzimmer und Büro abnimmt. Wir machen ja auch Bett- und Polsterbeschläge. Das Bett ist dramatisch rückläufig, ich meine jetzt die klassischen Lattenrostbetten. Im Boxspringbett ist kein Lattenrost mehr. Dafür nimmt das Thema Verstellen im Sofa zu. Jetzt wachsen Sie wieder – und zwar direkt am Unternehmenssitz in Kirchlengern. Ist das ein Vorteil?Hettich: Wir investieren gerade 40 Millionen in eine zweietagige Produktionshalle. Es ist die größte, die wir bisher gebaut haben. In Vlotho-Exter bauen wir allerdings auch, ebenfalls eine Produktionserweiterung. Wir glauben an die Zukunft. Wie sind die weiteren Wachstumsspielräume in OWL? Hettich: Die Entwicklungsmöglichkeiten hier in OWL kommen an Grenzen. Allzu viele Flächen haben wir nun nicht mehr, auf denen wir noch bauen können. Es war ein glücklicher Zufall, dass es hier in der Nachbarschaft eine alte Lagerhalle gab, die wir kaufen konnten. Das Thema Gewerbeflächen ist sehr herausfordernd in NRW. Jenseits der Landesgrenze gibt es hingegen erhebliche Gewerbeflächen. Fühlen Sie sich von der Politik nicht ausreichend unterstützt? Hettich: Das ist für mich ein zweigeteilter Bereich. Wenn ich Richtung Verwaltung schaue, sowohl von der Gemeinde über Stadt, Kreis und Bezirksregierung, sind die Mitarbeiter sehr bemüht, innerhalb des vorgegebenen politischen Rahmens alles möglich zu machen. Es wird nur in dem neu gesetzten Rahmen des Landesentwicklungsgesetzes schwieriger. Wenn es auf der anderen Seite der Grenze besser aussieht, müssen wir uns dann Sorgen machen, dass Sie trotz der Heimatverbundenheit umziehen werden? Hettich: Am liebsten möchten wir da investieren, wo wir sind. Wir investieren jetzt massiv, das wird eine Zeit lang halten. Nichtsdestotrotz: Wenn irgendwann der Punkt kommt, dass man hier keine Expansionsflächen mehr findet, müssen wir uns Alternativen überlegen. Es kann durchaus sein, dass es dann auch eine Alternative ist, die nicht in Deutschland steht. Wir verkaufen zwar heute 70 Prozent unserer Produkte im Ausland, produzieren aber 80 Prozent im Inland. Daher kann es auch sein, dass wir stärker in gewissen Regionen und Länder vor Ort produzieren. Wohin wollen Sie das Unternehmen entwickeln? Sind auch andere Branchen interessant? Hettich: Wir machen Technik für Möbel und da bleiben wir auch. Gerade wenn man weltweit schaut, wächst die Anzahl der Haushalte. Es entwickeln sich deutlich mehr lokale Mittelschichten, besonders in China und Indien. Das sind mehrere hundert Millionen Menschen, die einen Bedarf nach Wohnungseinrichtung haben. Das Thema Einrichten ist also eine sehr zukunftsfähige Branche. Deswegen fühlen wir uns dort wohl, wollen weiter investieren, Innovation vorantreiben und uns weltweit ausbreiten. Es gibt noch immer den ein oder anderen weißen Fleck auf der Erde, wo wir uns auch noch geografisch ausweiten können. Welche Länder haben Sie da im Blick? Hettich: Wir sind quasi in Afrika fast gar nicht vorhanden. Und auch Afrika entwickelt sich. Das merkt man daran, dass man inzwischen wenig über Afrika hört. Das heißt, die Katastrophen sind weg. In Südamerika sind wir auch noch nicht so stark unterwegs. Die Häuser, vor allem die Wohnzimmer und Büros, werden aber doch immer möbelloser. Ist es keine Gefahr, wenn man keine Alternative hat? Hettich: Das ist richtig. Zum Glück gibt es aber auch den gegenteiligen Trend in der Küche, im Badezimmer und im Schlafzimmer. Küchen werden größer. Das ist auch ein Effekt, warum es der Küchenmöbelindustrie ganz gut geht. Jeder Mensch hat heutzutage mehr Kleidung als früher, darum werden die Kleiderschränke größer. Und die Badezimmer werden immer größer, darum kommen mehr Schränke rein. Das gilt auch fürs Büro. Hettich: Im Büro hat es schon Konsequenzen für uns gehabt. Darum haben wir jetzt zum Beispiel höhenverstellbare Tische in unser Sortiment aufgenommen. Weil wir gesagt haben: Was bleibt im Büro? Tisch und Stuhl. Deshalb müssen wir an den Tisch ran. Das beobachten wir schon intensiv. Die größte Gefahr wäre für uns, wenn jemand das wandelbare Kleidungsstück erfindet. Das nicht mehr gewaschen werden muss und auf Knopfdruck Form und Farbe ändern kann. Dann haben wir ein Problem.

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