Blick in die weite Ebene: Daniel kurz vor seinem Unfall in der Namib-Wüste auf dem Weg von Windhoek nach Walvis Bay. Nach 50 Kilometern stürzte er schwer und brach sich das Schlüsselbein. - © Christian Pries
Blick in die weite Ebene: Daniel kurz vor seinem Unfall in der Namib-Wüste auf dem Weg von Windhoek nach Walvis Bay. Nach 50 Kilometern stürzte er schwer und brach sich das Schlüsselbein. | © Christian Pries

Kirchlengern/Windhoek Die Gefahren der Wüste Namib

Mit dem Rad auf Weltreise (19): Christian Pries aus Kirchlengern ist in zehn Monaten von China nach Neuseeland gefahren, nun fährt er einfach weiter. Heute: Namibia

Christian Pries

Kirchlengern/Windhoek. Für mich geht es immer weiter in Richtung Norden durch Namibia. In Windhoek treffe ich einige andere Langzeitradler. Von Olivier habe ich schon gehört. Er ist vor mehr als zwei Jahren zusammen mit Anselm, mit dem ich in Tibet und Laos gereist bin, unterwegs gewesen. Die Welt ist klein! Augustin aus Spanien ist von der Sorte: "Adrenalin um jeden Preis". Er ist mit gefälschten Dokumenten in Afghanistan gereist und hat sich hier in Afrika in einige "Game Reserves" geschlichen, die man tatsächlich nur mit dem Auto befahren sollte. Er zeigt mir ein Video, in dem er von zwei Elefanten gejagt wird, und ein Bild von einem Löwen direkt neben seinem Rad. Für solche Aktionen bin ich persönlich dann doch zu ängstlich beziehungsweise zu lebensverliebt. Mit ein paar Leuten aus Angola schauen wir Fußball. Die Jungs haben wir nur gefragt, wo wir spät Abends noch unter der Hand Bier kaufen können, wurden daraufhin aber zu einer Party eingeladen. Sie scheinen recht vermögend. Nach und nach erahnen wir dann auch, mit welchem Business sie das Geld verdienen - als Vermittler von Diamantengeschäften. Ob legal oder illegal sei dann mal dahingestellt. Ein Mitradler hat sich verliebt und bleibt vor Ort Daniel, ein Radler aus Deutschland, der ebenfalls in Kapstadt gestartet ist, hat in etwa dieselben Reisepläne. Daher beschließen wir, ein Stück zusammen zu fahren. Augustin bleibt derweil in Windhoek. Er hat sich verliebt und hängt nun erstmal auf unbestimmte Zeit fest - auch das passiert. Und Olivier radelt weiter in Richtung Norden. Unser Ziel ist Walvis Bay. Um dorthin zu kommen, nehmen wir jedoch eine raue und versandete Piste, die besonders schön sein soll. Daniel fährt, wie so viele Langzeitradler, ohne Helm. Meine jahrelangen Versuche, Matthias davon zu überzeugen, einen Helm zu tragen, waren nie von Erfolg gekrönt. Bei Daniel treffen meine Argumente pro Helm jedoch erstaunlicherweise auf fruchtbaren Boden. Er kauft sich noch in Windhoek einen Kopfschmuck. Aber warum schreibe ich das? Gleich am ersten Tag wird der Helm eine besondere Rolle spielen. Nach ca. 30 Kilometern kommt uns auf eben jener Schotterpiste ein Pick-up mit zu hoher Geschwindigkeit entgegen. Der Fahrer verliert die Kontrolle über das Fahrzeug, schlittert nur knapp an Daniel vorbei und stoppt kurz vor einem kleinen Abgrund. Dass hier niemand verletzt wird, grenzt an ein Wunder. Daniel stürzt auf einer Abfahrt schwer Nur wenig später passiert es dann: Daniel stürzt auf einer Abfahrt schwer. Er hält sich den Arm, kann ihn vor Schmerzen kaum bewegen. Er hat eine Platzwunde am Kopf und der Helm ist auf der einen Seite gebrochen. Dieser Helm war wahrlich eine lohnende Investition, so viel steht fest. An Radfahren ist für Daniel natürlich nicht mehr zu denken. Wir haben Glück, dass ausgerechnet kurz danach das zweite Auto des Tages auf dieser einsamen Piste vorbeikommt, diesmal ohne einen Unfall zu bauen. Es ist ein Farmer, der praktischerweise auch gleich einen Pick-up fährt. Daniel kommt in die Fahrerkabine, ich mache es mir mit den Rädern auf der Ladefläche gemütlich. Unser Ziel ist wieder Windhoek, diesmal aber ein örtliches Krankenhaus. Während Daniel untersucht wird, mache ich mir Gedanken, wie es nun weitergehen soll. Wie bekomme ich am späten Abend sein Rad hier weg und wo sollen wir nun noch eine für uns bezahlbare Unterkunft finden? Ins Zelt kann ich ihn schlecht stecken. Im Wartezimmer komme ich mit Cathy ins Gespräch. Ihr Mann ist in der Dusche gestürzt und wird ebenfalls gerade untersucht. Als sie meine Geschichte hört, lösen sich unsere Probleme dank der Gastfreundlichkeit mal wieder in Wohlgefallen auf. Drei Leoparden verfolgen einen Radfahrer  "Wir haben ein Zimmer in unserem Haus frei. Ihr beide könnt dort solange bleiben, bis klar ist, wie es mit Daniel weitergeht. Unser Sohn fährt einen Pick-up, er kann Daniels Rad abholen." So nehmen wir spätabends unsere Patienten, beide mit Schlüsselbeinbruch und einer Armschlinge bewaffnet, in Empfang. Passt! Wir bleiben einige Tage bei Familie Hoff. Da Daniel einen komplizierten Bruch hat, muss er operiert werden. Nachdem er sich von der OP erholt hat und wieder komplett alleine klar kommt, heißt es Abschied nehmen von den Hoffs und von Daniel. Er wird hier seine Verletzung auskurieren und in ein paar Wochen wieder starten. Ich mache mich ein zweites Mal auf zur Unglückspiste - diesmal aber alleine. Die 380 Kilometer lange Piste durch die Namib-Wüste ist wunderschön, will mir aber auch beim zweiten Versuch nicht viel Glück bringen. Ich kämpfe mit Fieber und einer Magen-Darm Grippe. Einige Zeit später bekomme ich eine Mail von Augustin, jenem verrückten Spanier, der nun auch wieder auf Tour ist. Er hat ausgerechnet auf dieser Strecke nach Walvis Bay seinen bisher größten "Adrenalinschub" bekommen. Drei Leoparden haben ihn zunächst verfolgt, sind dann verschwunden und später direkt vor ihm wieder aufgetaucht. Er hatte nach eigenen Angaben Todesängste. Das wäre mir nicht anders gegangen. Ich habe auf der gesamten Strecke allerdings kaum Tiere gesehen, geschweige denn Leoparden. Glück gehabt?

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