Von Erinnerungen eingeholt: Walter Szepanski auf seinem Bett in der Seniorenresidenz Klosterbauerschaft. Vor ihm sein Rollator mit einem Album alter Bilder. An der Wand eine NW-Geschichte über den Fußballer Szepanski. Foto u. REPRO: Meiko Haselhorst - © Meiko Haselhorst
Von Erinnerungen eingeholt: Walter Szepanski auf seinem Bett in der Seniorenresidenz Klosterbauerschaft. Vor ihm sein Rollator mit einem Album alter Bilder. An der Wand eine NW-Geschichte über den Fußballer Szepanski. Foto u. REPRO: Meiko Haselhorst | © Meiko Haselhorst

Kirchlengern Verdrängt, aber nicht vergessen

Kriegskinder (2): Walter Szepanski wurde als Kind in die Hohe Tatra verschleppt und fünf Jahre lang von den Nazis gedrillt. Erst jetzt kommen die Erinnerungen wieder hoch

Meiko Haselhorst

Kirchlengern. Sein Opa hatte ihm immer geraten: „Was im Krieg passiert ist: alles vergessen!“ Walter Szepanski hat den großväterlichen Rat befolgt. Oder es zumindest versucht. Jahrzehntelang mit Erfolg. Doch jetzt merkt er: „Ich hab’s nicht vergessen, ich hab’s nur verdrängt.“ Zuweilen komme es ihm so vor, als würden die Erinnerungen jetzt umso heftiger zurückkehren. Vor allem nachts. Im Gespräch mit der NW erzählt er, was er erleben musste. „Ich war sieben Jahre alt, als sie mich bei Nacht und Nebel holten“, beginnt der 1932 geborene Szepanski seine Geschichte. Damals habe seine Familie in Gelsenkirchen gelebt. „Jetzt kommen sie, jetzt kommen sie“, habe seine Mutter geschrien, daran könne er sich noch sehr gut erinnern. „Das war 1939“, erklärt Szepanski. „Meinen Vater hatten sie drei Jahre vorher geholt, weil er Kommunist war.“ Warum es die Nazi-Schergen auch auf ihn abgesehen hatten, weiß er bis heute nicht. „Womöglich hielten sie mich für einen Juden, ich habe ja einen polnischen Namen“, mutmaßt der 85-Jährige. Seine Mutter habe mit aller Kraft versucht, die SS-Leute an ihrem Vorhaben zu hindern – vergeblich. Draußen, so erinnert sich der NW-Leser, habe bereits ein Lkw gewartet. In Passau sei man auf einen Dampfer umgestiegen, der ihn und etwa hundert weitere Kinder über die Donau in die Tschechei brachte. „In die Hohe Tatra, in ein Hotel Esplanade“, erinnert sich Szepanski. Die Ausbildung: reiner militärischer Drill, kein Schreiben, kein Rechnen, nichts In dem Hotel, so erzählt er, hätten nur SS- und SA-Leute verkehrt. Letztere seien dann für die folgenden fünf Jahre seine Lehrmeister gewesen. Die Ausbildung: reiner militärischer Drill, kein Schreiben, kein Rechnen, nichts. Zu Maschinen habe man sie machen wollen. „,Gehirnwäsche’ würde man das heute wohl nennen“, sagt Szepanski. Immer wieder sei ihm und den anderen Kindern eingetrichtert worden, dass sie dereinst den „deutschen Nachwuchs“ bilden würden. Eine Ehre. „Das Schlimmste: Wir durften uns untereinander nicht unterhalten“, erzählt Szepanski. Stattdessen seien sie in schöner Regelmäßigkeit mit Kompass, Fernglas und Landkarten in die unwirtlichen Berge geschickt worden. Wer nicht pünktlich wieder zurück war, der wurde bestraft. „Bei minus 25 Grad draußen stehen – da sind manch einem Ohren, Finger und Zehen abgefroren“, sagt Szepanski. Eines Morgens, so erzählt er weiter, seien alle Nazis plötzlich weg gewesen. „Die Tschechen kamen und sagten: ,Für Euch ist der Krieg vorbei’.“ Auf Ochsenkarren seien er und andere nach Prag gebracht worden, von dort wieder nach Passau und an den Chiemsee. „Ich weiß nicht, wie viele Kinder überhaupt mitgekommen sind – man war ja nur darauf bedacht, seine eigene Haut zu retten“, erzählt Szepanski. Erst in Deutschland hätte er so richtig realisiert, dass halb Europa während seines Aufenthalts in den Bergen in Schutt und Asche versunken war. "Mein Vater war im Krieg als Kanonenfutter geopfert worden" Der Krieg währte nicht mehr lange. Nach einigem Hin und Her ging Szepanski zunächst wieder nach Gelsenkirchen. „Mein Großvater und meine Mutter haben mich dort erzogen – mein Vater, der Kommunist, war im Krieg als Kanonenfutter geopfert worden, das habe ich später erfahren“, sagt Szepanski, nimmt sich die Brille von der Nase und wischt sich übers Gesicht. Der junge Walter Szepanski holte die Schule nach, lernte erst das Handwerk des Bergmanns und wurde später Fahrer bei Bünder Glas. Der Fußball hatte ihn hierher gebracht – Szepanski trat lange Zeit für den damals erfolgreichen SV Ennigloh gegen den Ball. Der Mann heiratete, bekam zwei Kinder und führte ein normales Leben. Der Rat seines Großvaters, die Sache mit dem Vergessen und Verdrängen, hat jahrzehntelang gut funktioniert. Aber jetzt bahnen sich die dunklen Momente des Lebens wieder ihren Weg an die Oberfläche. Gerne würde Szepanski sich mit einem der Kinder austauschen, die damals mit ihm im Hotel Esplanade waren. Sich die Dinge von der Seele reden. Aber er hat nie wieder einen dieser Leidensgenossen getroffen. Auch in den Medien sei das Hotel seines Wissens nie thematisiert worden. „Mehrere Bekannte von mir waren später in der Gegend unterwegs und haben nach Spuren gesucht – vergeblich“, sagt Walter Szepanski. Auf seiner Seele würden sie fündig.

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