Frühe Flowerpower: Im Buch von Cousine Auguste – hier ein Eintrag von 1919 – sind ganze Glanzbilderbögen zwischen den Seiten eingelegt. Bei „Tante Anna“ fehlen die Glanzbilder ganz – dem Vater, einem Presbyter, waren sie vermutlich zu modern. Foto: Meiko Haselhorst - © Meiko Haselhorst
Frühe Flowerpower: Im Buch von Cousine Auguste – hier ein Eintrag von 1919 – sind ganze Glanzbilderbögen zwischen den Seiten eingelegt. Bei „Tante Anna“ fehlen die Glanzbilder ganz – dem Vater, einem Presbyter, waren sie vermutlich zu modern. Foto: Meiko Haselhorst | © Meiko Haselhorst

Kirchlengern Papier und Poesie

Sammlergeschichten: Heinz Steinmeier hortet in seinem Haus zahllose alte Schätzchen. Ihr Wert ist vor allem emotionaler Natur – so wie der der alten Poesiealben seiner Ahninnen

Meiko Haselhorst

Kirchlengern. Dass Heinz Steinmeier eine ausgeprägte Ader für Poesie hat, kann man nicht behaupten. Und für Poesie-Alben eigentlich auch nicht. „Als Kind habe ich über meine zwei Schwestern gelacht, wenn sie so ein Getue um ihre Poesie-Alben machten“, erinnert sich der Klosterbauerschafter und lacht. „Ich durfte die nicht mal anfassen, damit ja kein Fleck haften blieb.“ Heute hat er selbst drei Poesie-Alben – und auf die ist er sogar ein bisschen stolz. „Die sind aus den Jahren 1908, 1918 und 1919“, sagt der 78-Jährige. Zwei davon sind von seinen Tanten Anna Mailänder und Anna Steinmeier, eines „von Auguste, der Cousine meiner Mutter“, erklärt Steinmeier. Lange habe er die gesammelte Poesie seiner Ahninnen im Keller nicht angerührt. „Aber dann bin ich irgendwann doch neugierig geworden“, sagt er. „Alle Alben sind gut erhalten“, wundert sich der 78-Jährige. 125 Personen – Steinmeier hat nachgezählt – hätten sich darin verewigt. „Alle längst von uns gegangen, manche geboren in den 1860er Jahren“, sagt Steinmeier. „Den Anfang im Album machten jeweils der Pastor, dann kamen die Lehrkräfte der Schulen“ Damals, so erklärt er, sei die Schulentlassung immer zu Ostern gewesen. „Am Palmsonntag, also eine Woche vorm Ostersonntag, war die Konfirmation“, sagt Steinmeier. „So mussten schon früh im Jahr die Alben herumgereicht werden, damit bei der Schulentlassung alle Poesie niedergeschrieben war.“ Umso erstaunter ist Steinmeier, mit welcher Sorgfalt die Sprüche und Gedichte niedergeschrieben wurden. „Durch Wind und Wetter wurden die Alben nach Hause getragen. Am abgeräumten Küchentisch wurden dann erstmal Linien gezogen, damit alles ein sauberes Bild ergab“, lässt Steinmeier seiner Fantasie freien Lauf. „Den Anfang im Album machten jeweils der Pastor, dann kamen die Lehrkräfte der Schulen“, erklärt Steinmeier. Es folgten die besten Freundinnen, dann die ganze (Mädchen)-Schulklasse. „Bei meinen Tanten haben sich dann auch noch die Eltern und Geschwister eingetragen“, sagt Steinmeier. Glanzbilder waren dem Presbyter zu unseriös Die meisten Sprüche in seinen Uralt-Alben kann Steinmeier nicht lesen, weil es in der Sütterlinschrift verfasst ist. Schön anzugucken ist die Handschrift trotzdem. Schön anzugucken sind vor allem auch die Glanzbilder, die auf einigen freien Seiten in Anna Mailänders Album kleben. Blumen und christliche Motive, die wir heute wohl eher als kitschig empfänden. „Wahrscheinlich mit Zigarrenkleber befestigt“, sagt Steinmeier. „Hält bis heute.“ Bei Cousine Auguste lagen davon ganze Bögen zwischen den Seiten. „Bei Anna Steinmeier fehlen die Glanzbilder völlig“, sagt Steinmeier und schickt eine Erklärung gleich hinterher. „Ihr Vater, also mein Großvater, war Presbyter – der hat das wahrscheinlich nicht erlaubt.“ Poesiealben als Ausdruck jugendlichen Aufbegehrens– das waren noch Zeiten.

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