Selfie: Christian Pries (l.) schenkte Thou-Wow (r.), den er auf der Straße kennenlernte, sein Sandwich. - © Christian Pries
Selfie: Christian Pries (l.) schenkte Thou-Wow (r.), den er auf der Straße kennenlernte, sein Sandwich. | © Christian Pries

Kirchlengern Viele neue Freundschaften geschlossen

Mit dem Rad auf Weltreise (18): Christian Pries aus Kirchlengern ist in zehn Monaten von China nach Neuseeland gefahren. Nun fährt er einfach weiter. Heute: Südafrika

Christian Pries

Kirchlengern/Kapstadt. In Kapstadt werde ich von Stuart am Flughafen abgeholt. Die Familie mit Diana und den beiden Töchtern Tegan und Carla wohnt etwas südlich der Innenstadt und bereitet mir für die kommende Tage eine heimelige Atmosphäre. Es ist eine besondere Familie, sind sie doch zusammen als Familie 10 Monate kreuz und quer mit dem Rad durch Afrika gereist. Tegan hat seitdem das Radreisefieber gepackt, sie plant die nächste große Tour. Carla möchte hingegen für drei Jahre in Schweden studieren. Ich frage sie, worauf sie sich am meisten freut. „Als Frau ohne Angst alleine überall hingehen zu können, zum Beispiel mal spontan in den Wald" ist ihre für mich erschreckende Antwort. Im Großraum Kapstadt ist das in der Tat schwierig. „In dem angrenzenden Wald sind schon mehrere Frauen vergewaltigt und umgebracht worden", erklärt mir Stuart. Tagsüber ist Kapstadt-Zentrum aber eine sichere und auch wunderschöne Stadt! Ich klingel an der Tür und frage, ob ich mit Fußball gucken darf Um die Spiele der deutschen Fußball-Nationalmannschaft live im TV sehen zu können, klingel ich an den Spieltagen an Häusern und frage, ob zufällig Fußball geschaut wird und ich mich dazugesellen kann. Im sehr gastfreundlichen Südafrika geht dieser Plan immer auf. Oftmals werde ich auch gleich zum Essen und zum Übernachten eingeladen. Die Begegnungen sind toll und interessant. Ich treffe eine Dame, die jahrelang die Oma von Ralf und Michael Schumacher gepflegt hat, und einmal wird mir sogar ein Heiratsantrag gemacht. Obwohl mein deutscher Pass an dieser Offerte sicherlich nicht komplett unschuldig ist. In zwei Fällen bleibe ich sogar gleich ein paar Tage. Die Familie von Matt hat eine Pferdefarm in der Nähe von Tulbagh. Er selbst baut eine alte verlassene Farm gerade neu auf, hat eine deutsche Freundin und war auch schon mal mehrere Monate mit dem Rad unterwegs. Ich helfe Matt ein wenig auf der Farm, wechsle den Sattel des Rades mit dem des Pferdes, genieße das Farmleben und gewinne hier neue Freunde. Naomi nimmt mich auf wie einen verlorenen Sohn Die Familie von Naomi hat eine große Weinfarm in der Nähe von Vredendal. Naomi nimmt mich auf wie einen verlorenen Sohn. Ich bekomme ein eigenes Zimmer, wir machen einige Ausflüge und ich werde zum Braai eingeladen, die südafrikanische Variante des Grillens. Neben diesen vielen tollen Menschen treffe ich aber auch einige wenige Farmer, mit deren Ansichten ich nicht übereinstimmen kann, nämlich immer dann, wenn das Gespräch auf ihre schwarzafrikanische Belegschaft kommt. Ein Argument wiederholt sich immer wieder: Sie hätten keinen Ehrgeiz und wollten sich beruflich nicht weiterentwickeln. Ich maße mir nicht an, das zu beurteilen. Trotzdem, selbst wenn es stimmte wäre das für mich nur ein anderes Lebensmodell, das weder besser oder schlechter ist. Zudem arbeiten viele hier zu einem Hungerlohn. Wie wäre es da wohl mit meinem Ehrgeiz bestimmt, frage ich mich? Die Beziehung der verschiedenen Bevölkerungsgruppen hat sich über die letzten Jahrzehnte dank Leuten wie Nelson Mandela sicherlich stark verbessert. Aber ich merke, dass noch viel Luft nach oben vorhanden ist. Thou wow kommt gerade aus dem Knast Eines Tages mache ich am Straßenrand ein wenig Pause und werde von Thou wow angesprochen. Er ist ein höflicher und angenehmer Zeitgenosse. Er kommt gerade aus dem Knast, wie er mir berichtet. Dort hat er seinen Bruder besucht, der auf die schiefe Bahn gekommen ist. Er möchte das nicht, aber sein Leben ist alles andere als einfach. Keine Schulbildung, kein Job, kein Geld, kein Strom, kaum etwas zu essen – keine Chance. So lässt sich sein Leben zusammenfassen. Ich durchforste meine Taschen und biete ihm ein wenig zu Essen an. Seine Augen beginnen zu leuchten. Selten habe ich einen erwachsenen Mann gesehen, der sich so über ein Sandwich freut wie er. Es ist für mich immer wieder etwas beschämend, wenn ich daran denke, in welchem Überfluss ich im Vergleich dazu leben darf, weil ich beim großen Geburtsroulette die Karte „Deutschland" gezogen habe. Im nächsten Teil fährt Christian Pries durch Namibia

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