Ausgezeichnet: Tatjana und Ben Martin Böselt haben es geschafft. Aus einer in die Jahr gekommenen Kneipe machten sie ein florierendes Restaurant. Das haben sie jetzt auch schriftlich. 400 Gäste stimmten ab und hievten das "Alt-Hiddenhausen" auf Platz acht von 200. - © Alexander Jenniches
Ausgezeichnet: Tatjana und Ben Martin Böselt haben es geschafft. Aus einer in die Jahr gekommenen Kneipe machten sie ein florierendes Restaurant. Das haben sie jetzt auch schriftlich. 400 Gäste stimmten ab und hievten das "Alt-Hiddenhausen" auf Platz acht von 200. | © Alexander Jenniches

Hiddenhausen Westfälischer Gastronomiepreis für Restaurant Alt-Hiddenhausen

Alexander Jenniches

Hiddenhausen. Das Restaurant "Alt-Hiddenhausen" floriert wieder. Die Inhaber Tatjana und Ben Martin Böselt haben es in einen regional anerkannten Betrieb verwandelt. Als sie den Laden im Jahr 2011 übernahmen, war es eine Dorfkneipe, die ihre besten Zeiten hinter sich hatte. Nun haben 400 Gäste abgestimmt und das "Alt-Hiddenhausen" auf den achten Platz der besten Restaurants in Westfalen gewählt - von 200. Als Tatjana Böselt im Jahr 2011 ins "Alt-Hiddenhausen" zog, sah es dort nicht gut aus: Eine in die Jahre gekommene Dorfkneipe mit Gästen, die schon am Nachmittag dem Alkohol kräftig zusprachen und sich derbe artikulierten. Das war nicht der Plan, den die neue Chefin seit Jahren hegte: Ein gepflegtes Restaurant zu eröffnen mit all dem Wissen, das sie als Hotelfachfrau über die Jahre erworben hatte. Wie also anfangen? Sie erinnert sich: "Als Erstes haben wir die Öffnungszeiten nach hinten verlegt. Die etwas rustikalen Kunden, die nach der Arbeit hier einkehrten, würden nicht bis 17.30 Uhr warten können. Das war mir klar. Dann musste auch noch was mit der Inneneinrichtung passieren. Die war einfach nicht mehr zeitgemäß." Aber wie, ohne Kredite aufzunehmen, von denen man an einem versteckten Ort an der Löhner Straße gegenüber der Kirche nie weiß, ob sich die Investition jemals auszahlt? Das Dart-Zimmer musste weichen Zunächst mussten Getränke her, ansonsten kein Gastronomiebetrieb: "Ich habe alle Lieferanten kommen lassen und ihnen klar gesagt: Ich brauche Eure Hilfe. Ich kann die erste Lieferung nicht bezahlen. Die zweite Ladung dann schon, und die erste werde ich dann abstottern. Alle haben mitgezogen, und so kam es langsam in Gang." Das Dart-Zimmer, das eher Kneipenatmosphäre hatte, musste weichen. Tatjana und Ben Martin Böselt bauten es um zu einem stilvollen Gastraum. Der ehemalige Schießstand ist heute ein Saal, und auch die Küche brauchte eine Einrichtung, mit der sich ordentlich arbeiten ließ. Ben Martin Böselt, der Koch im Team, hat die Bilder noch im Kopf. Dabei schwingt auch Stolz über das Geschaffene mit: "Als wir hier eingezogen sind, war die Küche ein Raum, wo Suppen warm gemacht wurden und ab und zu mal eine Frikadelle. Wir haben dann nach und nach umgebaut und alles reinvestiert, was wir an Einnahmen hatten. Keine Schulden - das war die Devise. Alles, was hier steht, ist erarbeitet." Und das war lange nicht einfach. Es gab Zeiten, da waren die Böselts froh, wenn sie zehn Gerichte am Abend verkaufen konnten. An manchen Tagen war es aber auch schlicht zu hart für Tatjana Böselt: "Wir haben oft am finanziellen Limit gearbeitet, und - unsere Freunde wissen das - ich war in den ersten Jahren mindestens zweimal im Jahr kurz davor, alles hinzuschmeißen." Sie hielten aber durch, und langsam stabilisierte sich die Lage. Dann im Jahr 2015 die erste überregionale Anerkennung: Der Gastronomie- und Freizeitführer "Schlemmerblock", ein Internetportal, wählt das "Alt-Hiddenhausen" auf den ersten Platz für die Region Herford. Nutzer der Seite bewerten die Kategorien Essen und Trinken, Ambiente und Service und hieven die Böselts damit auf den ersten Rang. Nun ging es bergauf. Die Gäste kamen nicht mehr nur aus Herford und Umgebung, sondern auch aus Minden-Lübbecke. Es sprach sich herum, dass man im "Alt-Hiddenhausen" gute, deutsche Küche bekommt. Mit heimischer Küche in die Erfolgsspur Tatsächlich ist das Restaurant eins der wenigen in der Gemeinde, in dem heimische Gerichte gekocht werden. Dafür zuständig ist Ben Martin Böselt. Das Kochen hat er bei seiner Mutter und seinem Großvater gelernt. In die Gerichte kommen nur frische Zutaten aus dem eigenen Kräutergarten. Sämtliche Soßen sind handgemacht. Die Knochen dafür stehen schon mal zwölf Stunden auf dem Herd. Spezialität des Hauses ist das Wollschwein, auch Mangalitza genannt. "Die Tiere werden nicht gemästet und sind rund eineinhalb Jahre alt. Einen dreckigen Stall haben sie nie gesehen", sagt der Küchenchef. Das Geheimnis am guten Geschmack ist das mit Fettgewebe durchzogene Fleisch. Es wächst langsam. Beim Braten wird es dadurch nicht trocken. Die Böselts waren zwar stets von ihrem Angebot überzeugt. Sie wollten jedoch wissen, was sich noch besser machen lässt. Tatjana Böselt: "Man wird ja manchmal betriebsblind, und wenn einem genug Leute sagen, dass man toll ist, dann glaubt man das irgendwann - auch wenn es nicht so ist." Also machten sie im Wettbewerb um den Westfälischen Gastronomiepreis mit. Er wird vom Westfalen Magazin vergeben, das über Touristik, Genuss und Lebensart berichtet. Vierhundert Gäste schmissen zwischen April und August ihren Stimmzettel in eine verplombte Trommel, die dann zurück an das Magazin ging. Wenige Wochen später die Auswertung - und eine riesige Überraschung: Das "Alt Hiddenhausen" kommt auf den achten Platz - von 200. Und Tatjana Böselt fasst es nicht: "Wir dachten, wenn wir die Hälfte der Konkurrenz hinter uns lassen, ist das okay. Aber Platz acht? Unglaublich!" So etwas verleiht Schwung, und die Böselts nehmen ihn mit. Mittlerweile läuft das Restaurant so gut, dass es im "Alt-Hiddenhausen" ab diesem Wochenende jeden Sonntag einen Mittagstisch gibt. Personal suchen Tatjana und Ben Martin Böselt auch. Die Weihnachtszeit kommt, und die Auftragsbücher sind voll. Mancher Gast muss sogar warten. Wer die einstige Kneipe noch kennt, kann das heute kaum glauben.

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