V 220 033-5: Die Nummer steht für den Klassiker der Großdiesellokomotiven. Am 20. Mai 1976 rangierte die Lok zwei Malzwagen der Brauerei Felsenkeller. - © Richard Schulz
V 220 033-5: Die Nummer steht für den Klassiker der Großdiesellokomotiven. Am 20. Mai 1976 rangierte die Lok zwei Malzwagen der Brauerei Felsenkeller. | © Richard Schulz

Herford/Hiddenhausen Brauerei Felsenkeller: Als Bier und Malz noch über die Schiene rollten

Heino Uekermann erinnert an die Geschichte des 1895 gebauten privaten Gleisanschlusses, 
den die Bahn im Jahr 2002 stilllegte

Heino Uekermann

Herford/Hiddenhausen. 1895 erhielt die Brauerei Felsenkeller einen Gleisanschluss, der bis zur Stilllegung im Jahr 2002 in Betrieb war. Nicht nur seine Nutzungsdauer von über einem Jahrhundert war für eine deutsche Brauerei außergewöhnlich lang, sondern auch der Waggonpark mit brauereieigenen Privat-Güterwaggons. Spektakulär war der auf zwei Ebenen mit rund 16 Meter Höhenunterschied gebaute Gleisanschluss mit einem unterirdischen Versandkeller und einem Waggon-Schrägaufzug . 1878 gründeten die aus dem Lippischen stammenden Brüder Georg und Gustav Uekermann in Schweicheln bei Herford eine Brauerei. Die Lagerkeller wurden im abschüssigen Gelände in den Berg gebaut, weshalb man die Brauerei „Felsenkeller" nannte. Schon im Gründungsjahr wurden 9.4774 Hektoliter Bier gebraut. In den folgenden Jahren stieg der Bierabsatz beständig, so dass sich das Absatzgebiet vor allem in Richtung Norddeutschland erweiterte und die Brauerei dort eigene Niederlassungen gründete. Die Stadt Herford hatte zwar schon 1847 einen Bahnanschluss an die Cöln–Mindener –Eisenbahn erhalten, jedoch lag das Brauereigelände über zwei Kilometer vom Bahnhof entfernt, so dass eine bessere Anbindung erforderlich wurde. Vertrag mit der Königlich Preußischen Staatseisenbahn So ließ die Brauerei einen eigenen Gleisanschluss bauen, dessen Bau durch einen Vertrag mit der Königlich Preußischen Staatseisenbahnverwaltung mit Datum vom 21. Februar 1895 besiegelt wurde. Am 1. September 1895 wurde das 1,3 Kilometer lange und 300.000 Reichsmark teure Anschlussgleis eröffnet. Weitere Gleise gebaut Es hatte nur ein recht kurzes Umsetzgleis. Wegen des steigenden Transportaufkommens wurde 1909 ein weiteres Gleis gebaut und beide Gleise wurden auf 180 Meter verlängert, so dass bis zu 16 Waggons abgestellt werden konnten. Das Anschlussgleis verlief vom Bahnhof in nördlicher Richtung parallel zur Westseite der Hauptstrecke und schwenkte auf Höhe der heutigen B 61 nach Westen, wo es an der Auffahrt zur Brauerei endete. Am Ende des einen Gleises befand sich eine 7,30 Meter lange Drehscheibe, auf der die Waggons um 90 Grad gedreht wurden. Mit einem Ochsengespann wurden die Kühlwaggons durch einen Tunnel in den Felsenkeller gezogen. Dort befanden sich die Fassabfüllung und der Versandkeller, in dem die Waggons mit Bierfässern und Eis beladen wurden. Das Brauereigelände liegt nördlich der Anschlussgleise auf einem 16 Meter höheren Niveau. Dorthin führte ein steil ansteigendes Gleis von 80 Metern Länge, auf dem die Waggons mit einem Seil hochgezogen wurden. Parallel zu diesem Normalspurgleis lag ein noch steiler abfallendes Schmalspurgleis. Dieses Gleis diente sehr wahrscheinlich für einen Wagen mit Gegengewichten, der nach dem Prinzip einer Standseilbahn mit einem Seil über eine Umlenkrolle mit den herauf- oder heranfahrenden Normalspurwaggons verbunden war und in gegenläufiger Richtung fuhr. In späteren Jahren wurden die Waggons von einer elektrischen Rangierwinde hochgezogen. Bier-Versand per Bahn Oben auf dem Brauereigelände wurden die Waggons mit Kohle, Malz und anderen Gütern für die Produktion über zwei weitere kleine Drehscheiben vor und hinter den Kesselhaus, die per Hand bedient wurden, weitergeschoben. Ab wann der Bier-Versand per Bahn erfolgte und wann die ersten Kühlwaggons angeschafft wurden ist unklar. Es ist jedoch nicht ausgeschlossen, dass schon vor dem Bau des Anschlussgleises Fassbier von Pferdegespannen zum Güterbahnhof transportiert und dort in Waggons zum Weitertransport umgeladen wurde. Belegt ist, dass Ende 1909 bei der Königlichen Eisenbahn-Direktion Hannover 20 Kühlwaggons der Brauerei eingestellt waren. Bis 1927 wuchs der Kühlwaggonbestand auf 35 Stück. Für die Werbebeschriftung der Waggons verlangte die Reichsbahn im Jahr pro Waggon eine Gebühr von 30 RM. Da auf dem Weg zu den Brauerei-Niederlassungen die schweren Bierfässer per Hand mehrfach aufwendig und teuer umgeladen werden mussten, hatte die Brauerei bereits 1911 ihren ersten Lkw beschafft. Mit der zunehmenden Motorisierung verlagerte sich der Biertransport Anfang der 1930er Jahre mehr und mehr von der Schiene auf die Straße. Bis Ende der dreißiger Jahre hatte die Brauerei Felsenkeller ihren Kühlwagenpark fast um die Hälfte auf 20 Waggons reduziert. Die Bierkühlwagen wurden nicht nur zum Versand von Bier und Eis sowie zum Rücktransport der leeren Fässer genutzt, sondern auch zum Transport von Braumalz von den Mälzereien zur Brauerei. Möglicherweise wurden Kühlwaggons auch am Kleinbahnhof in Herford auf Rollböcke gesetzt und mit der meterspurigen Herforder Kleinbahn Richtung Vlotho oder Wallenbrück weitertransportiert. Belegt ist, dass die Brauerei Felsenkeller bei der Herforder Kleinbahn einen zweiachsigen geschlossenen schmalspurigen Privat-Güter-waggon mit 7,5 Tonnen Nutzlast und Felsenkeller-Beschriftung eingestellt hatte. Kühlwaggons wurden im 
Krieg eingezogen Mit Ausbruch des 2. Weltkriegs wurde durch Einschränkung des zivilen Eisenbahnverkehrs der Biertransport auf der Schiene mehr und mehr erschwert. Völlig zum Erliegen kam er, als die Brauerei die meisten oder vermutlich sogar alle Kühlwaggons im Herbst 1944 an die Reichsbahn für kriegswichtige Zwecke – vorsichtig formuliert – „abgeben" musste. Das geschah durch sogenannte „Mietverträge", mit denen die Reichsbahn die Waggons für 3 RM pro Tag und Wagen von der Brauerei mietete. Tatsächlich handelte es sich um eine Beschlagnahme, denn die Brauerei hatte sich im Vorfeld – wie viele ihrer Mitbewerber – heftig gegen die Abgabe gewehrt, auch weil zu diesem Zeitpunkt nach Requirierung fast aller Lkw zu Kriegszwecken ihr motorisierter Fuhrpark bereits abhanden gekommen war und damit der Bier und Malztransport weitgehend zum Erliegen kommen würde. Auch nach Kriegsende hatte die Reichsbahn-Generaldirektion in Bielefeld angeordnet, das die mit den Brauereien abgeschlossenen „Mietverträge" wegen Ihrer angespannten Wagenlage bestehen bleiben sollten, weil sie Kühlwaggons für die Versorgung der Bevölkerung mit lebenswichtigen Gütern brauchte. Bis 1949 hatte die Brauerei nur zehn Kühlwaggons in teilweise erbärmlichen Zustand wiederbekommen. 1950 versuchte sie eine weitere Rückgabe zu erreichen. Die erfolglosen Verhandlungen mit der Reichsbahn und ab September 1949 deren Nachfolgeunternehmen Deutsche Bundesbahn zogen sich bis 1959 hin. Soweit bekannt waren 1949 nur noch drei Kühlwaggons bei der DB eingestellt. Nach Kriegsende vermehrt in Lastwagen investiert Als Ersatz für die nach Kriegsende im mehr oder weniger desolaten Zustand zurückgekommenen Kühlwaggons beschaffte die Brauerei zwei gebrauchte, relativ neuwertige Fleischkühlwagen. In größerem Umfang wurde jedoch in Lastwagen investiert, da sich der Trend zur Verlagerung des Biertransports von der Schiene auf die Straße fortsetzte. Da die Lkw auf dem Brauereihof an der Rampe des Hauptgebäudes beladen wurden, schloss man den unterirdischen Versandkeller für die Bierkühlwaggons und stellte den Seilzugbetrieb vom Anschlussgleis zum Brauereihof ein. 1959 wurden die Drehscheibe und die Spielanlage abgebaut und in das südliche der beiden Anschlussgleise eine 12,50 Meter lange LKW-und Gleiswaage mit einer Tragfähigkeit von 60 Tonneneingebaut. Bereits Anfang der 1950er Jahre hatte die Deutsche Bundesbahn die Zustellung von Güterwaggons per Straßenroller angeboten. Das Malz wurde nun mit „Von-Haus-zu-Haus-Behältern" gezogen von Culemeyer-Straßenrollern angeliefert. Als die schwerfälligen Transporte im Stadtgebiet zur Verkehrsbelästigung wurden und die Stadt Herford mehr und mehr die Zahl der Straßen beschränkte, auf denen sie den Betrieb gestattete, wurde dieser Anfang der 1970er Jahre eingestellt. Gleiches galt für die wenigen Pferdegespanne, die noch die Gaststätten im Stadtgebiet mit Bier belieferten. 1971 verkaufte die Brauerei ihre letzten beiden Kühlwaggons. 1974 erlebt der Gleisanschluss eine Renaissance Nach wenigen Jahren erlebte der Gleisanschluss eine Renaissance. 1974 errichtete die Brauerei auf dem nördlichen Gleis eine Malz-Endlade- und eine Siloanlage, die die Malz-Anlieferung mit Straßenrollern beendete. das Malz wurde über eine überirdische Saugrohrleitung zum Sudhaus gepumpt. Für den Malztransport beschaffte die Brauerei 1975 zwei gedeckte Schüttgutwaggons, denen 1980 ein dritter folgte. Für den Rangierbetrieb wurde ein Zwei-Wege-Unimog eingesetzt. Ende der 1990er Jahre war in Herford noch eine Rangierlok stationiert, die den Rangierbetrieb am Bahnhof und zu den letzten privaten Gleisanschlüssen von SULO und der Brauerei durchführte. Nachdem im Mai 2000 die Lok abgezogen worden war, wurde der Dienst von einer in Brackwede stationierten funkferngesteuerten Diesellok der Baureihe 365 durchgeführt. Um die Mittagszeit kam die Rangierlok nach Herford und lieferte zunächst bei SULO die Güterwaggons ab und brachte die mitzunehmenden Waggons hinauf zum Güterbahnhof. Von dort ging es mit den Brauerei-Malzwaggons hoch zum Felsenkeller. Die Malzwaggons wurden am Güterbahnhof mit den SULO-Waggons zusammenrangiert. Die Gleise existieren noch immer Im April 2002 teilte die Bahn der Brauerei mit, dass sie die Bedienung der Herforder Firmenanschlussgleise zum 15. Dezember 2002 einstellen werde. Die Brauerei nahm zusammen mit SULO Gespräche mit anderen Eisenbahngesellschaften über eine weitere Anschlussbedienung auf, die jedoch erfolglos verliefen. Damit war die Stilllegung des Gleisanschlusses nach 107 Jahren besiegelt. Am 9. Dezember 2002 erfolgt die letzte Belieferung durch die Bahn mit Malz. Die Gleisanlage wurde zuletzt zum großen Brauereijubiläum 2003 mit einem von einer Dampflok gezogenen Traditionszug befahren. Seitdem ist die Nutzung der Gleise untersagt.

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