Ungewolltes Treffen: Die Waschbären wurden vom Dackel gestört. Jetzt richten sich auf, um größer und gefährlicher zu wirken. - © Jobst Lüdeking
Ungewolltes Treffen: Die Waschbären wurden vom Dackel gestört. Jetzt richten sich auf, um größer und gefährlicher zu wirken. | © Jobst Lüdeking

Kreis Herford So gefährden die vielen Waschbären andere Tierarten

Die Zahl der Waschbären im Kreis Herford nimmt weiter zu. Doch wie kann man den Tieren Herr werden?

Jobst Lüdeking

Kreis Herford. Es ist ein Anblick, der in der Vergangenheit wohl schon einige Bürger aus dem Wittekindsland geärgert hat: Ihre Müllsäcke sind aufgerissen, der Inhalt liegt verstreut auf dem Boden. Doch wer ist der Täter? Katzen, Hunde oder gar Ratten? Die Wahrscheinlichkeit ist hoch, dass die Sauerei von Waschbären angerichtet wurde. Die Tiere sind mittlerweile im Kreisgebiet heimisch – und ihre Zahl, das lässt die Jagdstrecke vermuten, nimmt stark zu. 284 Waschbären wurden im vergangenen Jagdjahr im Wittekindsland erlegt, rund 100 mehr als noch im Jahr zuvor. Dabei ist Herford eher an hinterer Stelle. Waschbärenkreis Nummer 1 ist nach wie vor Höxter mit geschätzten 10 bis 15 Tieren, die pro Quadratkilometer dort leben. Bundesweite Zahlen des Deutschen Jagdschutzverbandes gehen sogar von einer Verzehnfachung aus. „Die meisten Bürger bemerken die Tiere nicht", erklärt Bernd Gundlach von der Unteren Jagdbehörde beim Kreis Herford. „Das liegt daran, dass sie nachtaktiv sind." Waschbären haben keine natürlichen Feinde Ursprünglich aus Nordamerika nach Hessen gebracht und am Edersee ausgesetzt, haben sich die Allesfresser von dort erfolgreich ausgebreitet. Natürliche Feinde haben sie nicht. Dafür werden sie oft selbst zu Problembären – die genauen Auswirkungen wurden bisher wissenschaftlich nicht dokumentiert, sagt Eckard Möller. Er ist Experte für Vogelkunde. Es gibt starke Indizien, dass „Waschbären Auswirkungen auf Koloniebrüter wie Graureiher haben", erklärt der Ornithologe. Die Reiher brüten auf Bäumen – für die Waschbären ist es ein Leichtes, an den Stämmen hochzuklettern. „Nachts ist die Abwehr der Elterntiere nicht aktiv", sagt Möller. Kein Problem, Nester zu plündern Für die lernfähigen Waschbären sei es dann kein besonders Problem, die Nester zu plündern, Eier oder Küken zu fressen. Er kenne einen Fall, bei dem die Brutkolonie offenbar wegen Waschbären aufgegeben wurde. In Petershagen gebe es etwa den Verdacht, dass die gut schwimmenden Kleinbären eine Flussseeschwalbenkolonie, die auf einer kleinen Insel in unmittelbarer Ufernähe brütete, heimsuchten. „2016 gab es dort keinen Nachwuchs", so der Biologe. Ähnlich verhält es sich mit den in Gruppen laichenden Amphibien – etwa Erdkröten – die unter Schutz stehen. „Wir haben oft morgens 10 oder 15 der Kröten tot am Teich nahe der Biologischen Station gefunden. Es war nur noch die Haut da." Eine Kröte ist wie der Gang zum Schnellimbiss Zunächst gerieten Marder und der überaus seltene Iltis unter Tatverdacht. Die sind aber entlastet. „Mittlerweile wissen wir, dass das Waschbären waren", so Möller. Für die Tiere sei die Kröte ein energiereicher Snack und etwa so, „als wenn wir in einen Schnellimbiss gehen", erklärt Möller. In anderen Fällen wurden Ornithologen, die Greifvogelnester auf Bäumen kartieren wollten, von oben heran von den Waschbären beäugt. Möller: „Dabei ist unklar, ob sie die Nester geplündert haben oder sie einfach nur als Schlafplätzen nutzen." Waschbären, die nachts auf Nahrungssuche gehen und nicht auf Kolonien stoßen, hätten ähnlich viel Glück oder Pech, wie etwa Marder. Auf der Liste invasiver Arten Die Europäische Union hat die Bären mit der typischen Maske auf die Liste invasiver Arten gesetzt, die – wenn möglich durch eine verstärkte Bejagung – zurückgedrängt werden sollen. Die Wahrscheinlichkeit dafür scheint Möller aber eher gegen Null gehend. Die Tiere sind mittlerweile im Wittekindsland heimisch – auch im Herforder Stadtgebiet sind sie nachts regelmäßig unterwegs. Die Bären machen sich dabei nicht nur als Zweitverwerter am menschlichen Abfall zu schaffen. Dort, wo möglich, sind sie als Hausbesetzer aktiv und entern Dachböden oder nisten sich in alten Gebäuden ein. So wurden beim Abriss eines Hauses in Herford fünf junge Bären gefunden. Bernd Gundlach vom Kreis: „Wir erhalten häufiger Anrufe, weil Hausbesitzer Probleme mit Waschbären oder auch Mardern haben." Denn einmal im Haus machen die maskierten Hausbesetzer keinerlei Anstalten, wieder auszuziehen.

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