Die Herforder Brauerei steht vor großen Veränderungen. - © Frank-Michael Kiel-Steinkamp
Die Herforder Brauerei steht vor großen Veränderungen. | © Frank-Michael Kiel-Steinkamp

Herford/Hiddenhausen Wie Herforder Pils zum Krisenfall wurde

Brauerei: Ein Buch des ehemaligen Managers Jochen Schmitt enthüllt langjährige Probleme

Peter Steinert

Herford/Hiddenhausen. Frischer geht’s nicht: Vor einer Woche wurde öffentlich, dass für die seit 2007 zur Warsteiner Gruppe gehörende Herforder Brauerei ein Partner oder ein Käufer gesucht wird. Geschäftsführerin Alessandra Cama machte gegenüber der NW deutlich, dass der Betrieb in der jetzigen Form wirtschaftlich nicht mehr zu stemmen sei. Probleme gab’s aber schon vor der Übernahme. Das offenbart ein Buch des einstigen Brauerei-Managers Jochen Schmitt. Am 15. Februar wird es vorgestellt. Jochen Schmitt hat als Manager für große Brauereien und Biermarken gearbeitet, unter anderem für die König-Brauerei, die Privatbrauerei Rolinck, die Berliner-Kindl-Schultheiss-Brauerei und eben für die Herforder Brauerei. Die war damals noch unter dem Namen „Felsenkeller" bekannt. Im Husumer Ihleo-Verlag ist nun die Biografie des Insiders erschienen. Wie es heißt, sei es für Schmitt als früherer „Jaust" (westfälisch für „Lausbuben" und zugleich Titel des Buches) schwer gewesen, die Führungsetagen deutscher Brauereien zu erobern. „In der Schule war ich nicht sonderlich ambitioniert", erzählt der 75-jährige Ex-Manager. Standesdünkel, Verkrustungen, Animositäten Dann aber sei es zur Kehrtwende gekommen. Schmitt wurde mit 27 Jahren Niederlassungsleiter bei einem Baustoffgroßhändler mit 70 Mitarbeitern und 20 Millionen Mark Jahresumsatz. „Die Übertragung der Aufgabe war für mich vor allem ein Vertrauensbeweis, den ich nie vergessen habe." Jochen Schmitt lernte aber auch die andere Seite kennen. Standesdünkel, gewachsene Verkrustungen, persönliche Animositäten. In diese Rubrik fällt seine Zeit in Herford, die in dem Werk zehn dicht beschriebene Seiten einnimmt. Und auf denen Schmitt zunächst die positive Entwicklung schildert. Etwa, dass zeitweise über eine Millionen Hektoliter vom „flüssigen Gold" in Sundern vor den Toren Herfords gebraut wurden (heute sind es 300.000 Hektoliter), dass der „Herforder Preis" als sogenannter „Kneipen-Oscar" für Aufsehen sorgte und dass das heimische Produkt kurz vor dem Einstieg in die Klasse der Premiumbiere stand. Probleme traten Mitte der 90er auf Jochen Schmitt: „Mitte der 1990er Jahre traten Probleme auf, die in der Folgezeit mehr und mehr die Zusammenarbeit in der Geschäftsführung belasteten und erschwerten." Der Manager macht die Krise an Bernd Uekermann fest, der damals neben Karl Fordemann einer von zwei Geschäftsführern war: „Mein von ihm schon zu Beginn meiner Tätigkeit gewonnener Eindruck, dem eines skeptischen, häufig schlecht gelaunten und Neuerungen und Veränderungen gegenüber oftmals überkritischen Kollegen, verfestigte sich in dieser Zeit nachdrücklich. Ich kann mich nicht erinnern, dass in all den Jahren eine neue Idee oder Initiative bei ihm jemals lebhaftes Interesse, spontane Zustimmung oder gar Begeisterung ausgelöst hätte." In den folgenden Jahren hätten laut Schmitt anhaltende Absatzverluste und Ertragseinbußen die Herforder Brauerei in immer größere Bedrängnis und schließlich in existenzielle Nöte gerieben. 2002 wurde der Abbau eines Drittels der 300-köpfigen Belegschaft beschlossen (in besten Zeiten 700 Mitarbeiter, d. Red.). Die Geschäftsführer Bernd Uekermann und Karl Fordemann standen vor ihrer Abberufung. Zwei externe Manager hätten die Talfahrt nicht aufhalten können, so dass es 2007 zum Verkauf an die Warsteiner Gruppe kam. Jochen Schmitt: „Nach dem langen Erfolgsweg der 1878 gegründeten Brauerei war das Unternehmen innerhalb von nur zehn Jahren zum Krisenfall und Übernahmekandidaten geworden." Der frühere Geschäftsführer Karl Fordemann mochte sich zu den Schilderungen Jochen Schmitts nicht äußern.

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