Bielefeld "Die erste Hinrichtung gab's in Herford"

Interview: Udo Bürger über historische Kriminalfälle und Todesurteile in Westfalen

Stefan Brams

Bielefeld. Der Autor Udo Bürger hat historische Kriminalfälle und Hinrichtungen in der preußischen Provinz Westfalen zwischen 1815 und 1918 recherchiert. In seinem Buch "Westfälische Unterwelt" hat er die Taten und Hinrichtungen jetzt dokumentiert. Eine faszinierende Kriminal- und Sozialgeschichte der Region ist so entstanden. Stefan Brams sprach mit dem Autor über Taten, Täter und die 56 Hinrichtungen in Westfalen. Herr Bürger, Sie haben ein Buch über Hinrichtungen im Rheinland geschrieben. Jetzt liegt ein weiterer Band über Hinrichtungen in Westfalen vor. Woher Ihr Interesse an diesem Thema? Udo Bürger: Schon zu Beginn meiner Autorentätigkeit im Jahre 1989 habe ich bemerkt, dass zum Thema Kriminalgeschichte noch Forschungsbedarf bestand und besteht. So entstanden bislang sieben Bücher zur Kriminalgeschichte der Eifel, Kölns, Aachens, des Rheinlandes und zuletzt Westfalens. Es kommt mir dabei darauf an, der Öffentlichkeit möglichst viele neue Erkenntnisse mitzuteilen. Über die Kriminalfälle und Hinrichtungen im Rheinland und in Westfalen war bislang relativ wenig bekannt. In der preußischen Provinz Westfalen wurden 56 HinHinrichtungen zwischen 1815 und 1918 vollzogen. Im Rheinland 127. Waren die Richter in Westfalen gnädiger? Bürger: Nein, das lag im Wesentlichen an den unterschiedlichen Bevölkerungszahlen. Die preußische Rheinprovinz hatte 1911 beispielsweise 4,7 Millionen Einwohner, die Provinz Westfalen nur 2,4 Millionen. Wann und wo erfolgte die erste Hinrichtung in der neu gegründeten Provinz Westfalen und wen traf es? Bürger: Die erste Hinrichtung fand am 8. September 1818 in Herford auf dem Lübberbruch statt. Bei dem Hingerichteten handelte es sich um Johann Heinrich Rahe aus Offelten (Stadtteil von Preußisch Oldendorf), der im August 1814 seinen Vater und seine Stiefmutter ermordet hatte. Ein erstes Urteil sah vor, dass Rahe verbrannt werden sollte, das Oberlandesgericht Paderborn verfügte aber, dass die Hinrichtung mittels des Richtbeiles erfolgte. In Paderborn gab es nur eine Hinrichtung, in Münster 11, in Bielefeld 7? Waren die Paderborner womöglich gottesfürchtiger und verübten weniger Gewaltverbrechen? Bürger: Das lag wahrscheinlich auch eher wieder an der unterschiedlichen Größe der Städte. Paderborn hatte 1849 insgesamt 9.249 Einwohner, Münster 24.664. Wie wurden die Täter hingerichtet? Gab es da Normen? Bürger: Die Hinrichtungsmodalitäten waren im 19. Jahrhundert sehr unterschiedlich. Während zum Beispiel in den Königreichen Bayern und Sachsen, in der Provinz Hannover und im Oberlandesgerichtsbezirk Köln die Guillotine als Hinrichtungsinstrument diente, wurden die Hinrichtungen in Westfalen fast alle mit dem Richtbeil und dem dazugehörigen Richtblock vollzogen. In zwei Fällen (in Münster) erfolgte die Hinrichtung noch durch Rädern. Für welche Taten wurde die Todesstrafe überhaupt verhängt? Bürger: Alle Hinrichtungen in Westfalen gingen auf Tötungsdelikte zurück wie Mord, Raubmord, Kindsmord, Verwandtenmord, Ehegattenmord oder Sexualmord und Totschlag. Kamen die Täter aus bestimmten Bevölkerungsgruppen? Bürger: Die Hingerichteten in Westfalen wiesen folgende Berufe auf: Tagelöhner, Arbeiter, Geselle, Knecht, Bergmann, Bauer, Handwerker, Gärtner, Schneider, Fuhrmann, Schuhmacher, Metzger, Bahnarbeiter, Steinhauer und Kaufmann. Unter den Exekutierten waren vier Frauen. Wie oft wurden Täter vom preußischen König begnadigt? Bürger: Die preußischen Monarchen machten von ihrem Begnadigungsrecht regen Gebrauch. 1818 beispielsweise wurden in Preußen neun Täter hingerichtet und acht begnadigt, 1819 wurden acht hingerichtet und 16 begnadigt und 1820 wurden 13 hingerichtet und acht begnadigt. Den Begnadigungen lagen oft mehrere und ausführliche juristische Gutachten zugrunde. Lassen die historischen Kriminalfälle Rückschlüsse auf die damalige Gesellschaft zu? Bürger: Die Darstellung der Fälle zeigt zum Beispiel, dass der Merkspruch von der "guten alten Zeit" nicht zutrifft. Sowohl auf dem Land als auch in den Städten mussten die Bewohner hart für ihren Lebensunterhalt kämpfen. Die Industriebezirke und Zechen boten oft nur schlecht bezahlte Arbeitsplätze und unsichere Arbeitsbedingungen. Häufige Wechsel der Arbeitsplätze waren an der Tagesordnung. Die Familien hatten in der Regel viele Kinder, die im Alter für ihre Eltern sorgen mussten. Gab es damals Diskussionen über Sinn und Unsinn der Todesstrafe? Bürger: Es gab eine Unzahl von Veröffentlichungen über die Rechtmäßigkeit der Todesstrafe und die Verbesserung des Gefängniswesens. 1851 wurden die öffentlichen Hinrichtungen gestoppt und fortan nichtöffentlich vollzogen. Warum? Bürger: Die oft von Tausenden besuchten öffentlichen Hinrichtungen, die auf Richtplätzen außerhalb der Städte stattfanden, sollten ursprünglich der Abschreckung dienen, nahmen aber immer mehr den Charakter von Volksbelustigungen an. So ging man 1851 dazu über, die Hinrichtungen unter Ausschluss der breiten Öffentlichkeit innerhalb der Gefängnisse auf den Gefängnishöfen vorzunehmen. In Lübbecke dankte 1851 der zum Tode verurteilte Wilhelm Moehlmann allen auf dem Schafott und gab auch dem Henker die Hand, bevor dieser ihn köpfte. Eine Ausnahme? Bürger: In den damaligen Zeitungen werden die hinzurichtenden Delinquenten meist als reuevoll, gefasst, schicksalsergeben und den "Tröstungen der Religion" zugewandt dargestellt. Andere Quellen hinterlassen mitunter einen abweichenden Eindruck. Hier ist auch von heftigen Reaktionen und Tätlichkeiten der Delinquenten die Rede, die weit davon entfernt sind, dem Henker die Hand zu geben. Welcher Fall hat Sie am meisten erschüttert? Bürger: Die Fälle von Kindestötungen. Udo Bürger, "Westfälische Unterwelt. Historische Kriminalfälle und Hinrichtungen in Westfalen", 320 S., Ardey Verlag, Münster 2014, 14,95 Euro

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