Herford Abofallen-Bande prellt 30.000 Opfer

Anklage gegen Geschäftsmann aus dem Kreis Herford erhoben

Herford/Hannover. In einem der größten deutschen Ermittlungsverfahren gegen Abofallen im Internet hat die Staatsanwaltschaft Hannover nach Informationen der Neuen Westfälischen Anklage erhoben. Eine der zentralen Personen in dem Geflecht kommt aus dem Kreis Herford. Es ist ein Geschäftsmann aus Vlotho, der in der Vergangenheit seine Aktivitäten auch von Herford aus voranbetrieb. Die Ermittler gehen davon aus, dass rund 30.000 Menschen bundesweit Opfer der Beschuldigten geworden sein sollen. "Zusammen mit vier weiteren Personen aus Österreich ist der Mann wegen besonders schweren Betrugs angeklagt", erklärte am Freitag Staatsanwalt Oliver Eisenhauer, der Sprecher der Schwerpunktabteilung für Wirtschaftskriminalität der Staatsanwaltschaft Hannover. Deren Anklage geht von gewerbs- und bandenmäßigen Betrug aus. Die äußerst komplexen internationalen Ermittlungen durch das Landeskriminalamt Niedersachsen, in denen auch die illegale Filmplattform kino.to eine Rolle spielt, hatte sich über mehr als drei Jahre hingezogen. Zunächst waren 15 weitere Personen im Visier der Ermittler. Die Verfahren gegen sie wurden aber eingestellt. Die Masche der fünf Angeklagten soll einfach gewesen sein: Im Internet wurden sonst gratis erhältliche Computerprogramme wie OpenOffice, Adobe Reader oder Irfanview von einem angeblich in den Emiraten ansässigen Unternehmen "Blue Byte" unter der Adresse mega-downloads.net hingegen kostenpflichtig angeboten. Eine der vorgeblichen Vorteile des Angebots: es sei virenfrei. Angebliche Nutzer der Seite erhielten dann Post, in denen von ihnen rund 96 Euro oder nach einer ersten Mahnung 156 Euro gefordert wurden. Angeblich hätten die Adressaten ein zweijähriges Abo abgeschlossen. Das Inkasso für die angeblich arabische Firma übernahm dann zunächst ein Herforder Inkassobüro, das seinen Sitz am Mittelweg hatte. Mit Mahnschreiben setzten die Herforder die Menschen unter Druck. Die letzten Briefe erschienen dann im Namen einer heimischen Anwaltskanzlei. Im Jahr 2009 wurde dann in Hannover die Firma L&H gegründet, die das Geldeintreiben nach dem selben Schema wie der Herforder Inkassodienst übernahm – und offenbar sehr erfolgreich war. Binnen Wochen landeten schließlich knapp eine Million Euro auf den niedersächsischen Konten. Die Banken waren aber zwischenzeitlich wegen der unzähligen Zahlungseingänge stutzig geworden und hatte die Justiz informiert. Die handelte: Wirtschaftsermittler der Staatsanwaltschaft Hannover nahmen ihre Arbeit auf, froren die Konten ein. Opfer wurden per Presseinformation und per Internet gebeten, sich zu melden. Bei den Ermittlungen kam schließlich sogar der Verdacht auf, dass die Abofallen-Akteure gar nicht darauf angewiesen waren, dass ihre Seite von Opfern angeklickt wurde. Es bestand der Verdacht, dass einfach wahllos Adressdaten gekauft und dann Menschen per Anschreiben mit Rechnungen und späterer Mahnung unter Druck gesetzt wurden zu zahlen. Eingeschüchterte Personen überwiesen, selbst wenn sie wie in einigen Fällen gar keinen Computer besaßen. "Insgesamt wurden 475.000 Menschen angeschrieben, zirka 20.000 zahlten sofort", erklärt Staatsanwalt Eisenhauer. Rund 10.000 hätten nach Eingang der ersten Mahnung gezahlt. Die Angeklagten hätten versucht, eine "große Anzahl von Menschen" um Vermögenswerte zu bringen, so der Sprecher der Wirtschaftsabteilung weiter. Nach früheren Informationen der NW floss das eingetriebene Geld nach Österreich, wo die anderen vier Angeklagten leben. Teile der Einnahmen wurden dann offenbar wiederum eingesetzt, um auf der kriminellen Internetseite Kino.to für die fragwürdigen Angebote der Abofallen-Hintermänner zu werben. Die Seite kino.to, auf der Raubkopien von Filmen gezeigt wurden, gehörte bis zur Sperrung zu den Top 50 der meistgeklickten deutschen Seiten. Als Schlüsselfigur gilt hier und auch in dem Hannoveraner Verfahren ein ebenfalls angeklagter Wiener Geschäftsmann. Nach den früheren Aussagen von kino.to-Betreibern, die durch die Generalstaatsanwaltschaft Dresden zur Rechenschaft gezogen worden waren, soll der Wiener monatlich 250.000 Euro gezahlt haben. Damit trug er offenbar maßgeblich zur Finanzierung des kriminellen Angebots bei.

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