Vereine und Einzelpersonen säumten am Samstag die Straßen. - © FOTO: BITTNER
Vereine und Einzelpersonen säumten am Samstag die Straßen. | © FOTO: BITTNER

Kreis Herford Mit Entschlossenheit gegen Atomkraft

1.500 Leute trotz Nieselwetters bei Menschenkette zum Jahrestag der Fukushima-Katastrophe

VON RALF BITTNER

Kreis Herford. "Wir haben schon gegen den Bau des Kernkraftwerks (AKW) in Grohnde demonstriert, und wir machen so lange weiter, bis das Ding abgebaut ist", sagen Eva und Jutta Meinerts, die sich anlässlich des 2. Jahrestages der Atomkatastrophe in Fukushima an der Menschenkette in Herford beteiligen. Damals seien sie von der Polizei verprügelt worden. Am Samstag bleibt alles friedlich.

Pünktlich um fünf Minuten nach zwölf sollen die Teilnehmer an den Straße stehen. Von der Kreuzung am Theater ziehen sie Ketten Richtung Marienkirche und Lübberlindenweg. Da, wo es an Menschen mangelt, markieren gelbe Flatterbänder mit dem Aufdruck "Radioaktiv" die unsichtbare Grenze im Umkreis von 40 bis 60 Kilometern rund um das AKW Grohnde.

360 Kilometer lang ist die Strecke, die das Gebiet einschließt, das von einem möglichen GAU (Größten Anzunehmenden Unfall) akut betroffen sein könnte. Die Proteste sind Teil eines Szenarios, mit dem ein Reaktorunfall in Grohnde nachgestellt wird, inklusive Evakuierung.

Auch die Regionalkonferenz "Grohnde abschalten", die die Proteste koordiniert, ist für diesen Tag ins niedersächsische Göttingen "geflohen".

Dorthin tickert Miriam Sölling um 12.08 Uhr per SMS die geschätzte Teilnehmerzahl. 900 gibt sie an, später stellt sich heraus, dass trotz des Nieselregens viel mehr Menschen in Herford bei der 45 Minuten dauernden Aktion dabei waren. Etwa 1.200 Menschen sind in der Stadt auf den Beinen sind, im Kreis weitere 300.

Als sich der Protest in der Innenstadt formiert, ist schon ein Traktorkonvoi unterwegs. Ein gutes Dutzend Trecker markiert die Sperrlinie vom Amselplatz nach Löhne.

Zu den Frühaufstehern gehört Biobauer Gerd Flachmeier, der mit seinem Traktor gekommen ist. Neben den akuten Gefahren treibt ihn die ungelöste Frage nach der Endlagerung um. "Heute ist ein guter Tag für uns", sagt er vor dem Start des Konvois und meint damit eigentlich das Wetter, das eine Arbeit mit schweren Gerät auf den Äckern unmöglich macht. Drei Stunden später steht fest, dass das auch für die Anti-AKW-Bewegung gilt - groß, bunt und generationenübergreifend.

Eine gut gelaunte Frauke Wellensiek von den Bünder Grünen ist mit dem Rad über Bad Oeynhausen nach Herford gekommen. "Die Strecke ist echt der Hammer", sagt sie lachend und blickt sich nach einem warmen Getränk um.

An den Straßen stehen Polit-Profis wie Herbert Even (Grüne) mit einem ausgefeilten Statement auf den Lippen - "Solange noch ein AKW am Netz ist, lebt die Anti-Atombewegung. Jetzt geht es vorrangig um die Frage, wie der Ausstieg organisiert werden kann." - neben jungen Aktivistinnen, die erste Erfahrungen sammeln.

Dazu gehören Kyra Meierkort und Melek Boubakar von der Olof-Palme-Gesamtschule. Sie verteilen Flugblätter, mit denen sie dazu auffordern, am Mittwoch, 13. März, von 10.30 bis 12.30 Uhr zu schweigen, um auf den Klimawandel hinzuweisen. Andere verteilen warme Getränke und Snacks, die Gruppe "Lebenslaute" singt auf der Kreuzung Kantaten aus Georg Philipp Telemanns Zyklus "Die Tageszeiten".

Mittendrin steht Jürgen Oberbäumer, der seit 28 Jahren im Fukushima-Bezirk lebt und zu den Menschen gehört, die nach dem Unfall ihre Sachen packen und die nähere Umgebung verlassen mussten. Er will ein Zeichen setzen, gerade weil sich in Japan nur wenig verändert habe. Nur in direkter Nähe des Unglücksreaktors seien 30 Prozent der Menschen für den sofortigen Ausstieg, landesweit ist die Mehrheit auf Regierungskurs, und der heißt: Ausstieg um das Jahr 2040. Zu tief sitze der Glaube, dass die zivile Atomkraft sicher und wirtschaftlich nötig sei.

Dr. Martin Sonnabend von den Ärzten gegen den Atomtod (IPPNW) weist darauf hin, dass effektive Katastrophenpläne fehlen und Grohnde mit 230 meldepflichtigen Störfällen in seiner Geschichte Spitzenreiter unter den deutschen Meilern sei.

Außerdem sei es nur ungenügend gegen Erdbeben, Hochwasser oder terroristische Anschläge geschützt. Mit dem Was-wäre-wenn-Szenario sei es gelungen, Gedenken an die Opfer und die Warnung vor den Gefahren der Atomkraft publik zu machen.
 

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