Kommandeur Richard Carter (l.) mit Sebastian Dietz und Freundin Sophie Brockmeier. - © FOTOS: KIEL-STEINKAMP
Kommandeur Richard Carter (l.) mit Sebastian Dietz und Freundin Sophie Brockmeier. | © FOTOS: KIEL-STEINKAMP

Herford Stadtsport-Chef nimmt kein Blatt vor den Mund

Stimmen zur verweigerten Auszeichnung für Sebastian Dietzv

Herford. Hans-Joachim Zedler hat eine entspannte Bürgerreise ins türkische Manavgat hinter sich. Doch kaum war der Vorsitzende des Herforder Stadtsportverbandes (SSV) wieder zu Hause, ärgerte er sich. "Es regt mich maßlos auf, dass Sebastian Dietz das Silberne Lorbeerblatt nicht bekommen hat", sagte Zedler gestern.

Wie berichtet, fehlte der Paralympics-Goldmedaillengewinner im Diskuswurf in Berlin, als Bundespräsident Joachim Gauck am vergangenen Mittwoch die höchste staatliche Auszeichnung an deutsche Spitzensportler überreichte. Dietz, der zweimal von einem deutschen Gericht verurteilt worden ist, erfülle nicht die charakterliche Vorbildfunktion, hieß es in der Begründung des Bundespräsidialamtes. "Ich hätte erwartet, dass man über einen jungen Menschen, der die Goldmedaille für Deutschland geholt hat, schützend die Hand hält. Sebastian Dietz hat seine Strafe erhalten. Dass ein solcher Sportler nun noch einmal verurteilt und vom Sockel gestoßen wird, ist für mich nicht akzeptabel", sagt der SSV-Vorsitzende. Der Stadtsportverband hält nach Zedlers Worten an den Plänen fest, die Sportgala am 18. Januar unter das Motto der Paralympics zu stellen.

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"Sebastian Dietz wird Sportler des Jahres in der Stadt Herford, und dabei bleibt es nach Lage der Dinge auch", sagt Zedler. Auf ein von Zedler angestoßenes Projekt zur Förderung von behinderten Leistungssportlern hat sich der Fall bereits negativ ausgewirkt: Ein Sponsor sei abgesprungen und wolle das Geld nun lieber der Lebenshilfe spenden.

Marketa Marzoli, Pressesprecherin des Deutschen Behindertensportverbandes (DBS), der Sebastian Dietz für die Auszeichnung vorgeschlagen hatte, wusste bis gestern nichts von dem Eklat und war dementsprechend überrascht. "Das finde ich jetzt sehr schade, ich habe Sebastian in London persönlich kennengelernt und fand ihn geradezu entzückend", so die Sprecherin. Sehr freundlich und kooperativ sei er gewesen, habe viele Termine akzeptiert und Interviews gemacht.

DBS-Sportdirektor Frank-Thomas Hartleb findet die Entscheidung des Bundespräsidialamtes "sehr bedauerlich". Man müsse die Regularien allerdings akzeptieren und werde "jetzt nicht "nochmal intervenieren". Es sei nicht das erste Mal, dass einem Sportler das widerfahre, sagte Hartleb.

Ein Sprecher des Bundespräsidialamtes erklärte gestern auf Anfrage der NW: "Eine charakterliche Voraussetzung muss gegeben sein, eine Vorbestrafung ist da nur ein Kriterium." Ferner werde geschaut, wie schwer ein eventuelles Vergehen war, ob es Geschädigte gibt und wie sich der Vorbestrafte in der Öffenlichkeit dazu äußert.

Der Sprecher konnte nicht sagen, welches Ausschlusskriterium bei Dietz letztlich gegriffen hat.

"Wenn der Sportler 2016 wieder Gold gewinnt, werden die Karten neu gemischt – er kann die Auszeichnung des Silbernen Lorbeerblattes auch dann noch bekommen."

Bürgermeister Bruno Wollbrink war gestern für eine Stellungnahme nicht zu erreichen. Statt seiner schreibt Stadtsprecher René Schilling: "Die Stadt Herford hat Sebastian Dietz für seine Leistungen bei den Paralympics in London geehrt. Die Auszeichnung mit dem Silbernen Lorbeerblatt, der höchsten Auszeichnung des Bundes für verdiente Sportler, erfolgt nach anderen Kriterien. Das ist zu akzeptieren und entzieht sich unserer Beurteilung."

Überwiegend Unverständnis für die Entscheidung des Bundespräsidialamtes wird auf dem Facebook-Auftritt der HerforderNW-Lokalredaktion deutlich. Dort schreibt Tanja Schatzislückchen: "Er ist auch nur ein Mensch und steht zu seinen Fehlern. Aber unsere Sesselfreaks machen ja nie was falsch." Ramona Foerster ergänzt: "Aber die Obergurus, die ganz oben sitzen und Dreck am Stecken haben, dürfen weiter machen und sich schön die Kohle einstecken." Christopher Schmidt ist anderer Meinung: "Das ist die ganz normale Praxis, daher erkenne ich da jetzt keinen Grund, warum das so gepusht wird."

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