Er sprüht vor Innovationskraft; ich halte große Stücke auf ihn, sagt Psychiatrie-Chefarzt Dr. Marcus Agelink über Dr. Ingo Runte, der die Leitung der beiden Tageskliniken des Klinikum in Herford und Bünde-Spradow übernimmt. Dr. Runte will neue Wege gehen. - © FOTO: KIEL-STEINKAMP
Er sprüht vor Innovationskraft; ich halte große Stücke auf ihn, sagt Psychiatrie-Chefarzt Dr. Marcus Agelink über Dr. Ingo Runte, der die Leitung der beiden Tageskliniken des Klinikum in Herford und Bünde-Spradow übernimmt. Dr. Runte will neue Wege gehen. | © FOTO: KIEL-STEINKAMP

HERFORD Dr. Ingo Runte sucht den offenen Dialog

Der neue Leitende Oberarzt der Psychiatrie-Tageskliniken Herford und Bünde strebt einen anderen Umgang mit Psychosen an

VON HARTMUT BRAUN

Herford. Im Norden Finnlands wird er seit 25 Jahren praktiziert. Von dort breitet er sich über Skandinavien und England aufs Festland aus. Dr. Ingo Runte, neuer leitender Oberarzt der psychiatrischen Tageskliniken in Herford und Bünde, will ihn auch im Kreis Herford etablieren: "Offener Dialog", ein Behandlungsansatz für Psychose-Patienten.

"Eigentlich ist es mehr als nur eine neue Methode, es ist eine Haltung ", sagte Psychiatrie-Facharzt Runte gestern auf einer Fortbildung in der PsychiatrieKlinik. "Ich habe seit 20 Jahren mit Psychose-Patienten zu tun und bin von diesem Ansatz ganz und gar überzeugt. Ich sehe keinen einzigen Nachteil."

Weit über hundert Fachleute drängten sich im überfüllten, stickigen Tagungsraum der Klinik. Dort stellten der neue Oberarzt und der Chefarzt der Havelland-Klinik Nauen, Dr. Werner Schütze, den auch als "bedürfnis-angepasste Behandlung der Schizophrenie" bezeichneten Ansatz vor.

Beide haben den "offenen Dialog" auf Studienreisen in Finnland kennen gelernt; Dr. Schütze wendet ihn seit kurzem an "Ersterkrankten" in seiner Klinik an. Runte hat an seiner letzten Arbeitsstätte in Detmold ein Fortbildungsprojekt in diese Richtung angestoßen - und hat das auch in Herford vor.

"Offener Dialog" geht davon aus, dass Ärzte und Patient einander konsequent auf Augenhöhe begegnen, dass auch Angehörige und Umfeld der Patienten mit einbezogen werden. Man nimmt an, dass jeder Fall anders liegt und anders zu behandeln ist und dass der Patient dabei ganz entscheidend mitsprechen muss.

Er wird wirklich ernst genommen, ebenso die Angehörigen und das Umfeld, das sich mit Arzt und Pflegekräften zu "Netzwerk-Konferenzen" zusammen schließt. Runte: "Man geht aus von der Gleichwertigkeit aller Beteiligten und pflegt das Prinzip der Vielstimmigkeit".

Der Arzt gibt seine Expertenrolle auf ("er ist eher Impulsgeber als Experte"), alles wird offen angesprochen, es gibt keinen Austausch hinter dem Rücken des Patienten. Psychotische Erfahrungen, etwa Stimmen, werden ernst genommen. Man trifft sich, wo der Patient es will, mal daheim, mal am Arbeitsplatz, mal auch in der Klinik.

Runte zitiert Studien, wonach diese Behandlungsform bewirkt, dass weniger Therapien abgebrochen, weniger Neuroleptika verabreicht und deutlich weniger klinische Behandlungstage notwendig werden. Außerdem: "80 Prozent sind nach fünf Jahren symptomfrei".

Allerdings ist der Ansatz in Nordfinnland allgemein akzeptiert; jeder Dritte hat Erfahrungen in der Mitarbeit in "Therapie-Netzwerken". Patienten wenden sich bereits wenige Monate nach den ersten psychischen Auffälligkeiten an die Klinik oder eine ihrer fünf ambulanten Stützpunkte - in Deutschland liegen zwischen ersten Anzeichen und Erstkontakt oft mehrere Jahre, was die Behandlung erschwert.

Es ist nicht ganz leicht, den Dialog-Ansatz in die Finanzierungsstrukturen des deutschen Gesundheitssystems einzufügen, räumt Dr. Werner Schütze ein. Doch auch er ist überzeugt vom finnischen Modell: "Im Kern geht es um die Gestaltung von Beziehungen; dass wir als Ärzte unseren Expertenstatus aufgeben und uns in einen Dialog gegeben". Dazu fällt ihm ein Zitat des Philosophen Gadamer ein: "Gespräch ist nur so lange, wie die Möglichkeit besteht, dass der andere Recht haben könnte".

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