Klassiker: Kein Varieté ohne atemberaubende Jonglagenummer. Das galt wohl schon bei Hofe im Barock. - © Ralf Bittner
Klassiker: Kein Varieté ohne atemberaubende Jonglagenummer. Das galt wohl schon bei Hofe im Barock. | © Ralf Bittner

Herford Staunende Zuschauer bei Silvestershow im Stadttheater

Die Berliner Compagnie "Die Aristokraten" liefert zwei perfekte Stunden zum Jahresausklang mit Akrobatik, Jonglage, Musik und Witz

Ralf Bittner

Herford. Sie nennen sich "Comte Klaus von Tönchen zu Tönchen" oder "Charlotte, die Flotte" und zaubern als Teil der Berliner Compagnie "Die Aristokraten" eine Welt aus barocker Verspieltheit, poetischen Träumereien und akrobatischen Höchstleistungen auf und über die Bühne des ausverkauften Stadttheaters. Ein aufgedrehter clownesker Zeremonienmeister namens Martin van Bracht führt durch den kunterbunten Varieté-Abend. Zudem zuckt eben dieser als puppenhafter Robottänzer über die Bühne, liefert sich ein irrwitziges Ringen mit der wie festgenagelt im Raum schwebenden Gitarre oder erläutert mit einem magischen Puzzlespiel, wie wichtig es ist, auf Unerwartetes im Leben so flexibel zu reagieren, dass aus den einzelnen Teilen wieder ein Ganzes wird. Wenn Fürsten zaubern, bleibt kein Auge trocken Mit dem Fürsten Friedrich Wilhelm, der in urkomischen Zaubernummern vier von fünf Tischtennisbälle verschwinden lässt, hält auch die Komik Einzug. Mit jedem verschwunden Tischtennisball werden seine Wangen praller und die Aussprache undeutlicher: "Itschmädschick", auf gut Deutsch: "It's magic!" Barock ohne Mozart geht nicht, und so tiriliert er als Papageno die Zauberflöte und ein bunter Vogel kreist dabei um seinen Kopf. Dass sich die Herforder nicht an Mozart und das letzte Mozartjahr 2006 erinnern, entsetzt den hochwohlgeborenen Fürsten. Pompös und in edlem Weiß sind auch die Kostüme gehalten, zaubern eben jene Erinnerung an einen weißen Winter, wie es ihn lange nicht mehr gab, ins Theater. "Winter Circus Wonderland" heißt das Programm, in dem es neben Clownerie auch Einiges zum Staunen und Wundern gibt. Adelige Damen erobern sich den Luftraum über dem Bühnenboden Die adeligen Damen zeigen kraftraubende aber dennoch poetische Akrobatik mit einarmigen Handstand und Schirmen in Händen und Füßen oder erobern sich am Vertikaltuch den Luftraum von knapp überm Bühnenboden bis hoch hinaus an die obere Begrenzung des Bühnenportals. Eine Kurfürstin ist es, die die Hula-Hoop-Reifen kreisen lässt und eine Contessa tanzt traumwandlerisch sicher auf dem Seil als gäbe es keinen Schwerkraft. "Ohs!", "Ahs!" oder ein spontanes "Super!" aus dem Zuschauerraum zeigen, dass die Show mit ihrer Mischung - nichts Anderes heißt ja Varieté - beim Herforder Publikum bestens ankommt. Und kein Varieté ohne Jonglage - Thomas Endel zeigt sie meisterhaft mit fünf Bällen oder illuminierten Keulen, die im Dunklen wirbeln. Etwas abrupt ist lediglich das Ende der Show. Nach Verbeugungen und Applaus knallen auf der Bühne die Konfettikanonen. Das war's, 2017 war einmal.

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