Wehr mit Warnschildern: Wer über die Kante der Wehrwand kippt - schwimmend oder mit dem Boot - hat ein Problem. Aber schon vor der Wehrwand würde der Sog des Wassers Schwimmer nach unten ziehen. - © Ralf Bittner
Wehr mit Warnschildern: Wer über die Kante der Wehrwand kippt - schwimmend oder mit dem Boot - hat ein Problem. Aber schon vor der Wehrwand würde der Sog des Wassers Schwimmer nach unten ziehen. | © Ralf Bittner

Herford So gefährlich ist das Bergertor-Wehr

Leserreaktion: Auf die Gefahren des Werre-Wehrs weist ein NW-Leser hin. Thomas Böhm von der Deutschen Lebensrettungsgesellschaft erkennt aber auch große Gefahren in einem Fluss ohne Wehr

Corina Lass

Herford. Das Wehr am Bergertor muss weg, das ist die Forderung eines NW-Lesers am Lesertelefon. Dem Herforder geht es darum, dass Wehre gefährlich sind, viel gefährlicher, als der Fluss ohne Wehr, wie der Mann meint. Und dieser Aspekt ist seiner Ansicht nach in der Diskussion um die Durchlässigkeit der Werre zu kurz gekommen. Aber hat er überhaupt Recht mit seiner Annahme, dass das Wehr eine Gefahr darstellt? Auskunft kann die Deutsche Lebensrettungsgesellschaft (DLRG) geben. Vorsitzender Thomas Böhm hat schon bei den Bootsrennen des Herforder Kanu-Klubs auf der Werre in den 70er und 80er Jahren aufgepasst, dass keiner der Kanuten unter Wasser blieb. Er sagt: "Ja, das Wehr birgt Gefahren. Deshalb hängt dort auch ein Schild, das davor warnt." Die Gefahr liege unter anderem darin, dass Wasser am Wehr gestaut wird. An der Stauwand fließt dann ein Teil über dessen Kante weiter flussabwärts, ein anderer Teil aber vor der Wand und an dieser entlang nach unten. Dadurch entsteht ein Sog nach unten. "Wer dort hinein gerät, kommt von allein nicht wieder hoch, der wird nach unten gedrückt", sagt Böhm. Die Kuhle hinter dem Wehr ist wie eine Waschmaschine, die alles im Kreis dreht Als der ermordete, fünfjährige Junge Dano im März 2014 zunächst nur als verschwunden galt, hätten sie in diesem Bereich der Werre nach ihm gesucht, erzählt Böhm. Das sei nur angeleint möglich gewesen, die Taucher wären sonst nicht wieder zurück an die Wasseroberfläche und ans Ufer gekommen. Der Fluss führt zudem allerlei Sediment mit sich, das er vor dem Wehr zurück lasse. "Der Untergrund ist dort ähnlich wie im Moor", sagt Böhm. "Je mehr sich jemand darin bewegt, desto tiefer sackt er ein. Der kommt dort allein nicht mehr raus." Und das Wehr birgt weitere Gefahren: Wenn das Wasser über die Kante der Stauwand fällt, dann kippt es in eine Art Kuhle, die so genannte Walze. Bei diesem Tosbecken handelt es sich um eine künstlich angelegte Vertiefung. In ihr verwirbelt das Wasser und verliert dadurch an Kraft. Allerdings dreht das Wasser auch alles, was dort hinein gerät, wie eine Waschmaschine im Kreis. Selbst Menschen kommen allein nicht mehr raus, so Böhm. Gut zu sehen sei das, wenn im Winter dickere Äste über die Kante kippen: Sie tauchen auf der flussabwärts liegenden Seite der Kuhle unter und kommen hinter dem fallenden Wasser wieder hoch, tauchen dann auf der flussabwärts gelegenen Seite der Kuhle wieder unter und so weiter. "Von allein treiben die Äste nicht weiter", sagt Böhm, der bei Kanu-Rennen in den 1980er Jahren auch schon Kanus und Kanuten aus der Verwirbelung gezogen hat. Genauso ist die Situation etwas weiter flussabwärts hinter den beiden Stufen, die zum Wehr gehören und über die das Wasser weiter in Richtung natürliches Flussbett fließt. Ohne Staumöglichkeit würde das Wasser ungebremst durch die Stadt rauschen Eine weitere Kuhle oder Walze gibt es zwischen Berger- und Lübbertor, wo das Wasser an einer Stelle über eine Kante in eine Rinne kippt, die die Wasserkraft ausgewaschen hat. Wer dort schwimmend oder mit einem Boot quer hinein gerät, komme allein nicht mehr raus, sagt Böhm. "Der wird vom Wasser immer wieder gedreht." Böhm hat schon erlebt, dass Einzelne versucht haben, vom Bergertor aus im Wasser bis zum Lübbertor zu waten. Wer dann irgendwann in der Rinne steht, der bekommt die ganze Kraft des Wassers zu spüren - und kann nicht einen Schritt weiter. Auch Kanuten habe er dort während der Wettrennen in den 1980er Jahren schon rausgezogen. Trotz aller Gefahren, die durch das Wehr bedingt sind, hält Böhm auch eine Werre ohne Wehr, also ohne Staumöglichkeit, für noch problematischer. Bei Starkregen würde das Wasser dann nämlich ungebremst durch die Stadt fließen und am Zusammenfluss mit der Aa, die dann ja auch viel Wasser führt, nahe dem Kreuzungsbereich von Goeben- und Hansastraße, erheblich anschwellen. "Dann haben sie das Wasser in der Stadt stehen", sagt der 51-jährige Böhm. Außerdem würde seiner Ansicht nach die Strömung der Werre nach jedem Starkregen Teile der unbefestigten Uferböschungen mit sich reißen. "Das liegt in der Natur der Flüsse", sagt der Vorsitzende der Herforder Rettungsschwimmer. In der Folge werde es bald keine natürlich bewachsenen Ufer in der Stadt mehr geben, sondern nur noch befestigte Strecken: Denn die Menschen würden ihre Grundstücke schützen wollen.

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