Leicht zugänglich: Das Internet lockt immer mehr junge Männer zum Spielen. Selbst Apps auf dem Smartphone, die zunächst nichts mit Geldeinsätzen zu tun zu haben scheinen, können am Ende zu Abhängigkeit führen, die immer mehr Geld kostet. - © Frank-Michael Kiel-Steinkamp
Leicht zugänglich: Das Internet lockt immer mehr junge Männer zum Spielen. Selbst Apps auf dem Smartphone, die zunächst nichts mit Geldeinsätzen zu tun zu haben scheinen, können am Ende zu Abhängigkeit führen, die immer mehr Geld kostet. | © Frank-Michael Kiel-Steinkamp

Herford Immer mehr junge Leute süchtig nach Glücksspielen

Die Fachstelle beim Diakonischen Werk im Kirchenkreis Herford leistete Pionierarbeit in Land und Bund. Gefahren lauern zunehmend im Internet bei Online-Poker und bei Sportwetten

Frank-Michael Kiel-Steinkamp

Herford. Michael Krause erinnert sich daran, dass man in seiner Jugend allenfalls in der Gaststätte auf einen Geldspielautomaten stieß. "Wenn ich heute aus unserem Haus an der Löhrstraße trete, habe ich vier Spielhallen in Reichweite. Das Geschäft scheint sich zu lohnen", stellte der Superintendent des Evangelischen Kirchenkreises auf der Jubiläumsveranstaltung zum 30-jährigen Bestehen der Fachstelle Sucht für Glücksspielabhängige und Angehörige beim Diakonischen Werk fest. In Vorträgen wurde deutlich, dass immer mehr Männer schon in jungen Jahren in Abhängigkeit geraten - befördert durch die Angebote im Internet und durch Sportwetten. Die jüngsten Enthüllungen in den "Paradise Papers" werfen ein Schlaglicht auf das Vorgehen der Branchenriesen. "Zum Spielen gehört Freiheit", sagte Krause. "Die bleibt beim Glücksspiel auf der Strecke. Glück bringt diese Art von Spielen auch nicht." Vielen Betroffenen geholfen, echtes Glück zu finden Hinter den Zahlen der Jahresberichte verbergen sich unglaubliche Geschichten. Auf der Arbeit der Berater habe bisher Segen gelegen. Vielen Betroffenen und Angehörigen sei geholfen worden, echtes Glück zu finden. Auch der stellvertretende Landrat, Hartmut Golücke, hob in seinem Grußwort auf die Enthüllungen vom Wochenende ab. Das Glücksspiel-Unternehmen mit dem Logo der aufgehenden Sonne gebe zwar vielen Menschen Arbeit und Brot. Doch gebe es auch die Kehrseite mit Leid für Menschen. Die Arbeit der von Ilona Füchtenschnieder aufgebauten Beratungsstelle von kleinen Anfängen bis heute sei beispielgebend für das Land Nordrhein-Westfalen gewesen, sagte Golücke. Vor 30 Jahren sei Glücksspielsucht noch nicht als Krankheit erkannt worden - heute sei sie zu einem großen gesellschaftlichen Problem geworden. Und selbst der Staat spiele mit. 1987 die bundesweit erste Beratungsstelle eröffnet Ein Rückblick: Erste Nachfragen von Glückspielenden und Angehörigen gab es schon Anfang der 1980er Jahre in der Jugend- und Drogenberatungsstelle der Diakonie an der Hämelinger Straße in Herford. Das führte 1987 zur Eröffnung der bundesweit ersten Beratungsstelle für die Zielgruppe. Seit 2000 ist die Fachstelle eine von drei Schwerpunktberatungsstellen im Land und soll die Prävention für Jugendliche und junge Erwachsene leisten und Präventionsprojekte und Kampagnen entwickeln. Die steigende Klientenzahl führte 2004 zur Anerkennung als ambulante Behandlungsstätte durch die Deutsche Rentenversicherung. Der "typische" Klient Anfang der 1990er Jahre war männlich, mit abgeschlossener Berufsausbildung, berufstätig, lebte in fester Beziehung oder noch bei den Eltern, hatte sechs Jahre an Geldspielautomaten gezockt und war bereits kriminell geworden. 60 Prozent der Süchtigen haben mehr als 25.000 Euro Schulden Anfang 2000 handelte es sich überwiegend um Männer zwischen dem 30. und 39. Lebensjahr, die berufstätig und hoch verschuldet waren. Ein Drittel hatte mehr als 25.000 Euro Schulden und spielte schon zwischen acht und 20 Jahren an Automaten. Heute sind immer noch 88 Prozent der Klienten männlich. Neben Älteren mit bis zu 30-jähriger Sucht- und Therapiegeschichte nehmen deutlich mehr jüngere Glücksspieler mit kurzer Suchtentwicklung das Beratungsangebot an. Auch sie sind, so stellte das vierköpfige Beratungsteam fest, überwiegend berufstätig oder in Ausbildung. 60 Prozent haben mehr als 25.000 Euro Schulden. Ein Drittel ist von Sportwetten oder Online-Glücksspielen abhängig. Die Klienten werden immer jünger und immer schneller abhängig "Sorgen bereitet uns, dass die Klienten immer jünger werden und der Weg in die Abhängigkeit immer schneller zu gehen scheint", sagen die Berater. Dabei spiele wohl eine Rolle, dass Jugendliche immer häufiger unkontrollierten Kontakt zu Glücksspielen haben: in Imbissbuden, Spielotheken, in denen häufig keine Alterskontrolle stattfinde, und in Sportwettbüros. Die Sportwetten würden von volljährigen Freunden abgeschlossen. Gerade sportzugewandte Jugendliche, die vermeintliches Sportwissen haben, glaubten ihr Wissen zu Geld machen zu können. So werde es auch von den Anbietern mit Fußballidolen als Partner beworben. Glücksspiele können in Zeiten materieller Krisen und Verunsicherungen Begehrlichkeiten bei Jugendlichen wecken, sagen die Berater. Aufgrund des hohen Suchtpotentials sei die Teilnahme ja auch erst ab 18 erlaubt. Am Anfang der Sucht stand oft ein großer Gewinn als  folgenreiches Erlebnis Klienten berichteten in der Beratungsstelle von prägenden Erlebnissen in der Jugend. Oft sei ein für ihre Maßstäbe großer Gewinn ein folgenreiches Erlebnis gewesen. Jugendliche, die sich Geldgewinne erhoffen, die risikofreudig seien und Zerstreuung suchten, seien leicht verführbar. Die Berater wünschen sich eine Sperrmöglichkeit für Spielotheken wie in Hessen. Dort hätten sich innerhalb von zwei Jahren 13.000 Glücksspielende sperren lassen. Das Diakonische Werk hatte zwei Referenten eingeladen. Björn Süfke von der Bielefelder Männerberatungsstelle man-o-mann sprach über die Therapie mit Männern. Der Bremer Wissenschaftler Tobias Hayer als Experte für jugendliche Glücksspieler stellte dar, dass sich die Jungen über das Internet "den Pokertisch ins Kinderzimmer holen" können. An vermeintlich gewinnträchtige Sportwetten gerate mancher junge Mensch über Kontakte im Sportverein. Für gefährlich hält Hayer auch manche Spiele-Apps auf dem Smartphone, die als Köder für Geldspiele fungierten. Er schilderte, dass manche Glücksspielkarriere junger Leute in Kriminalität mündet.

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