Mitreißendes Spiel: 90 Minuten lang spielt Ingolf Lück mit unglaublicher Präsenz den Boulevard-Journalisten Marco. - © Ralf Bittner
Mitreißendes Spiel: 90 Minuten lang spielt Ingolf Lück mit unglaublicher Präsenz den Boulevard-Journalisten Marco. | © Ralf Bittner

Herford Ingolf Lück als Witwenschüttler im Stadttheater

Im Ein-Personen-Stück von Johannes Kram liefert der aus Bielefeld stammende Entertainer und Moderator im Stadttheater einen beeindruckenden Blick in die Welt der Boulevard-Medien

Ralf Bittner

Herford. Ein Mann, ein Smartphone und einen Stuhl – mehr braucht es im Stück „Seite Eins" nicht, um einen Blick in die Welt des Boulevard-Journalismus zu werfen. Einziger Akteur auf der Bühne vor dem Eisernen Vorhang ist Ingolf Lück. Der ist vielen Zuschauern vermutlich eher als Comedian und TV-Moderator bekannt, stellt aber eindrucksvoll seine Qualitäten als Schauspieler unter Beweis. Die Geschichte, die er im Herforder Stadttheater präsentierte, ist schnell erzählt. Die junge Musikerin Lea wendet sich an Chefredakteur Marco, weil sie mit seiner Hilfe ihre neue Platte promoten will. Dabei versucht sie aber, nicht zu viel Privates von sich preis zu geben. Entsprechend seinem Credo „Wir interessieren uns für die Menschen" ist nicht die Musik der noch Unbekannten für Marco interessant, sondern eine Geschichte über den Menschen. Im Klartext, die Geschichte über eine Beziehung, die Lea nicht in der Öffentlichkeit sehen möchte. Und da auch Lea noch keiner kennt, muss diese Geschichte her, egal ob sie stimmt oder nicht. Marco lockt, verspricht und überzeugt, natürlich nicht ohne sich ständig von Mitarbeitern über das Smartphone einen Informationsvorsprung zu sichern. „Sprich nie mit jemandem, bevor du nicht weißt, warum er dich anruft", ist auch eine seiner Regeln. Journalistischer Super-Gau Trotzdem passiert der journalistische Super-Gau: Durch eine Namensgleichheit macht Marco den Erben einer großen Industriedynastie fälschlicherweise zum Freund des „Party-girls auf Seite Eins". Gegen deren Anwälte hilft nur eins: eine journalistische Lösung, eine zweite Geschichte muss her. Da wird gedroht und nach Nacktfotos gegraben, und Marco, ohnehin schon nicht zimperlich, wenn es um das Besorgen von Nachrichten und Fotos geht, läuft zu ganz großer Form auf. Schließlich geht es nicht mehr nur um die Auflage, sondern jetzt auch um seinen Job. Die Mechanismen hinter der Wirklichkeitskonstruktion der Boulevardmedien werden allmählich sichtbar, und Lück liefert ein beeindruckendes Psychogramm eines Machers. Selbstverständlich ist Marco Boulevard-Journalist, weil es um die Menschen geht, und weil hier gesagt werden kann, was in anderen Medien wegen der „political correctness" nicht gesagt werden darf. Skrupel kennt Marco nicht. „Sie hat sich an mich gewandt, und sie ist mit 19 alt genug, um Verantwortung für sich zu übernehmen – in dem Alter gehen unsere Soldaten nach Afghanistan oder in den Senegal", sagt er. Warum nicht über Selbstmörder schreiben? Warum nicht über Selbstmörder schreiben und „Witwen schütteln", um an Fotos zu kommen? „Ja, das ist hart. Aber würden Sie die zerschmetterten Leichen in der Zeitung sehen wollen?" Immer wieder spricht Lück die Zuschauer direkt an, und es ist schwierig, sich von diesen Scheinargumenten und Selbstrechtfertigungen nicht blenden zu lassen. „Je mehr sie bei uns lesen, desto kleiner aber kräftiger und farbiger wird ihr Bild", sagt Marco, die Mechanismen beschreibend. Und er verrät ein Geheimnis: „Boulevard ist kein Trick, sondern Handwerk." „Gehen Sie weg, wenn Sie mich nicht mehr sehen können!" fährt er die Zuschauer an, „aber das können Sie ja nicht!" Treffender lässt sich der Erfolg der großen Boulevard-Zeitung kaum erklären, und nach dem Applaus beginnen Diskussion und Nachdenken.

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