Vor der Tür: An Stehtischen und umzingelt von Wagen mit allerlei Leckerem ließen es sich ehemalige und jetzige Mitarbeiter, Gäste und Betriebsleitung gut gehen. - © Corina Lass
Vor der Tür: An Stehtischen und umzingelt von Wagen mit allerlei Leckerem ließen es sich ehemalige und jetzige Mitarbeiter, Gäste und Betriebsleitung gut gehen. | © Corina Lass

Herford Industrieservice Radewig feiert 30-jähriges Bestehen

Im Beruf gut begleitet

Corina Lass

Herford. Der Industrieservice Radewig (ISR) hat gestern sein 30-jähriges Bestehen gefeiert. Das Unternehmen der Herforder Werkstätten bietet psychisch behinderten Menschen seit 1987 einen Arbeitsplatz. Was dies bedeutet, machte die Vorsitzende der Herforder Lebenshilfe, Bärbel Zuhl, deutlich: Als sie für ihre Tochter fünf Jahre nach deren Verkehrsunfall 1990 einen passenden Ort gesucht habe, sei sie an der Industriestraße fündig geworden. Etwas mehr als drei Jahre zuvor habe es kein solches Angebot gegeben. Auch woanders hätte Zuhl kaum etwas gefunden. Herford war damals Modellregion der Psychiatriereform: In den 80er Jahren wurden psychiatrische Langzeitpatienten aus den Landeskrankenhäusern in ihrer Heimat geholt, wo sie Wohnungen mit Betreuung und einen begleiteten Arbeitsplatz angeboten bekamen. Zunächst startete eine kleine zwölfköpfige Gruppe psychisch behinderter Menschen in Sundern. Kurze Zeit spätere wechselte sie in die Hauptwerkstatt, Ackerstraße 31. Dort wurde die erste eigens für psychisch kranke Menschen vorgesehene Abteilung in Herford gegründet: Damit trug die Lebenshilfe der Tatsache Rechnung, dass die Begleitung und Förderung psychisch erkrankter und geistig behinderter Menschen unterschiedliche Hintergründe und Bedürfnisse abdecken muss. Dafür hatte die Psychiatriereform den Weg frei gemacht. Der Bedarf an Arbeitsplätzen stieg stetig. Der Landschaftsverband Westfalen-Lippe als Hauptträger der Kosten, bewilligte zunächst nur 45 Plätze, die 1987 in der ehemaligen Küchenmöbelfabrik und späteren Ledermanufaktur am Jöllenbecker Weg eingerichtet wurden. Anfangs sei es darum gegangen, möglichst normale Arbeitsplätze zu schaffen, die den psychisch Kranken ein gutes Einkommen verschafften, sagte Michael Matulla, Betriebsleiter der ISG-Werkstätten am Jöllenbecker Weg. Heute seien die Werkstätten eher eine Bildungs- oder eine therapeutische Einrichtung, die Menschen wechselten aus den Werkstätten auf den allgemeinen Arbeitsmarkt. Das schafften nicht alle, sagte Wolf-Jürgen Sandmann von der Mitarbeitervertretung. Manche kämen einfach nicht hoch. Deshalb sei es wichtig, für diese Menschen Dauerarbeitsplätze zu erhalten. Sandmann äußerte auch die Sorge, dass es in 20 Jahren die Arbeitsplätze nicht mehr gibt. "Schuld ist nicht der, der Böses tut, sondern der, der Böses zulässt", sagte er, Albert Einstein zitierend. Aktuell arbeiten im Industrieservice Radewig 117 Menschen, aber 140 waren es schon mal. Zuletzt ist die Metallwerkstatt ins Heidsiek umgezogen. In den leer gewordenen und inzwischen sanierten Räumen fanden gestern unter anderem die Feierlichkeiten statt. Dazu waren viele Gratulanten aus Politik, Verwaltung und Gesellschaft gekommen.

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