Wirkt nach der Flucht noch ein wenig unwirsch: Stachelschwein-Dame Polly ist wohlbehalten zurück im Herford Tierpark. Dort lebt sie in einer Wohngemeinschaft. - © Alexander Jenniches
Wirkt nach der Flucht noch ein wenig unwirsch: Stachelschwein-Dame Polly ist wohlbehalten zurück im Herford Tierpark. Dort lebt sie in einer Wohngemeinschaft. | © Alexander Jenniches

Herford Stachelschwein Polly ist wieder daheim

Ausgebüxt: Warum sich das Tier nachts auf den weg machte, ist unklar. Vermisste es seine Artgenossen?

Jobst Lüdeking

Herford. Für die Herforder Polizei ist es eine aus zoologischer Sicht höchst ungewöhnliche Alarmmeldung, die da am Wochenende gegen Mitternacht über das Notruftelefon auf der Leitstelle eingeht. Zeugen berichten von einem Stachelschwein, das im Bereich der Einmündung Nordstraße/Normannstraße unterwegs ist (die NW berichtete). Es ist aber der Beginn einer nicht alltäglichen, aber erfolgreichen Fahndung. Denn jetzt ist Polly (3) wieder bei ihren Artgenossen im Herforder Tierpark. Tierarztbesuch für die Flucht genutzt Offensichtlich war es der Stachelschwein-Dame bei einem Arzt-Aufenthalt an der Goebenstraße - wo sie auch später von Experten der Feuerwehr gefasst werden konnte - viel zu langweilig und zu einsam geworden. "Polly war zur Beobachtung bei Dr. Holtmann", sagt Tierpark-Leiter Thorsten Dodt. Die Zeit im Beobachtungsgehege nutzte das rund 75 Zentimeter große Nagetier dann aber für die Flucht - denn offenbar fehlten ja die Artgenossen. Auch wenn es schwer vorstellbar ist: Die stachelige Polly ist einigermaßen gesellig und lebt mit zwei weiteren Stachelschwein-Damen, einem Jungtier und einem Männchen in einer Wohngemeinschaft im Tierpark. "Die Tiere sind sehr friedlich", sagt Thorsten Dodt. Nur wenn die Pflanzenfresser, deren Arten in Amerika, Afrika, Asien und Südeuropa vertreten sind, in die Enge getrieben werden, würden sie ihre Stacheln nutzen. So waren auch zunächst Versuche der Feuerwehr gescheitert, den wehrhaften Nager zu fangen. Als Ausbrecherin ist die Stachelschwein-Dame aber nicht das erfolgreiche Tier, das die Polizei und die Feuerwehr beschäftigt, wie die Chronik zeigt. Weitere tierische Einsätze der Herforder Polizei im Stadtgebiet Deutlich erfolgreicher bei ihrer Flucht als Polly waren die Ausbrecher-Affen, die es 2012 schafften, aus dem Tierpark zu entkommen. Die Berberaffen lebten über Tage in den Bäumen und schauten ab und an in den Gärten der Anwohner vorbei. Schließlich konnten sie narkotisiert und eingefangen werden. Inzwischen sind die Affen aber in einen anderen Tierpark umgezogen. Enten werden von der Polizei und der Feuerwehr regelmäßig unterstützt. Manchmal brauchen aber auch Waschbären Hilfe. So wie 2010 ein Jungtier, das mutterseelenallein auf einem Geländer an der Mindener Straße entlang balancierte. Racoonie, wie der Bär getauft wurde, zeigte nach Polizeiangaben großes Interesse an Dienstschuhen der Polizei. Der Kleinbär kam erst zum Tierarzt und dann in eine Auffangstation. Im Sommer 2011 musste die Polizei zusammen mit einem Tiermediziner ein Reh in einem Großhandel nahe der Bismarckstraße betäuben und dann retten. In einem anderen Fall hatte sich 2007 ein Rehbock einen Garten an der Schillerbrücke als neues Revier ausgesucht und dort die Blumen zur Äsung genutzt. Die Tiere wandern auf der Suche nach neuen Revieren am Werreufer entlang und kommen so schließlich in die Stadt. Wirklich gefährliche Einsätze mit Tieren gab es etwa 2003: Ein offensichtlich aus einem illegalen Gehege ausgebrochener Rothirsch rannte über die Vlothoer Straße. Versuche, das Tier einzufangen, schlugen fehl. Schließlich musste es erlegt werden, da sonst Gefahren für Autofahrer bestanden hätten. Noch gefährlicher wurde es im selben Jahr an der Bielefelder Straße. Ein junger Bulle, der illegal geschächtet werden sollte, war seinem privaten Käufer aus einer Garage entkommen. Fang- und Betäubungsversuche scheiterten. Nach seiner eineinhalbstündiger Flucht durch die Stadt musste das inzwischen als gefährlich eingestufte Tier auf dem Gelände eines Stahlhandels von der Polizei getötet werden.

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