Fensterblick: Nur eine recht kleine Glasscheibe ermöglicht den Blick auf das in der Hütte ablaufende Video, in dem ein in einem Fluss treibender Kopf die Bachkantate "Ich habe genug" singt. Ausdruck der Freude oder Klage über die eigenen Ohnmacht? - © Ralf Bittner
Fensterblick: Nur eine recht kleine Glasscheibe ermöglicht den Blick auf das in der Hütte ablaufende Video, in dem ein in einem Fluss treibender Kopf die Bachkantate "Ich habe genug" singt. Ausdruck der Freude oder Klage über die eigenen Ohnmacht? | © Ralf Bittner

Herford Neues Kunstwerk an der St. Johanniskirche zeigt schwimmenden Kopf

"Ich habe genug": Alexandra Ranners Installation ist am neuen Standort wieder eröffnet worden und liefert Stoff für verschiedene Deutungen und Diskussionen

Ralf Bittner

Herford. "Ich habe gar nicht genug von der Kunst", sagte Pfarrer Johannes Beer bei der Wiedereröffnung von Alexandra Ranners Installation "Ich habe genug" an der Johanniskirche. Die Kirche stellt den Grund für die Arbeit zur Verfügung, die von Heiner Wemhöner angekauft wurde und zunächst bei "In Vino" zu sehen war. Nach einer Reise zu einer Ausstellung hat die Arbeit an der Kirche ihren zentralen und dauerhaften Standort gefunden. In der Hütte neben einer Peitschenlaterne ist durch ein Fenster ein Video zu sehen. darin singt ein in einem Fluss treibender körperloser Kopf die Bach-Kantate "Ich habe genug". "Die wurde ursprünglich für den liturgischen Gebrauch im Gottesdienst und für Orchester komponiert", sagte Kirchenmusiker Wolf-Eckart Dietrich, der unten den Gästen bei der Eröffnung war: "Eine Entwürdigung Bachs ist das sicher nicht. Es ist ja auf hohem Niveau gesungen." Nur Text und Gesang zu hören irritiere allerdings schon. Ausdruck für ein erfülltes Leben Beer wies darauf hin, dass zu Bachs Zeit "Ich habe genug" eine positive Bedeutung hatte, und Ausdruck dafür war, dass der Mensch ein erfülltes Leben gehabt habe und nun voller Freude und Gottvertrauen bereit sein, in die Ewigkeit zu gehen. Die Arbeit ist für ihn Beleg, dass auch zeitgenössische Kunst immer dafür gut ist, Menschen in den Dialog zu bringen. Bürgermeister Tim Kähler lobte den Standort als ideal, da zwei große Linien der Stadtentwicklung hier zusammenträfen. Einerseits symbolisiere die Kirche die reichhaltige Historie, andererseits stehe die neu eröffnete Installation für die Moderne, in der auch zeitgenössische Kunst ihren Platz habe. Marta-Direktor Roland Nachtigäller freute sich darüber, "dass das mit dem neuen Standort geklappt hat", sah aber einen anderen Bezug, nämlich zum Orpheus-Mythos. Der Sänger Orpheus wurde zerrissen und sein Kopf ins Meer geworfen, wo er jedoch weitersang, bis ihm Apollon zum Schweigen gebracht habe; für Nachtigäller ein Bild eines Menschen, der sich trotz erfahrenen Leids an Leben und Welt festhält. Passanten erklärten, dass sie das Video beruhige oder die Stimme etwas Klagendes habe, zogen allerdings auch Parallelen zu den Enthauptungen durch den IS. Die in Berlin lebende Künstlerin sieht diesen Zusammenhang nicht: "Die Arbeit habe ich 2005 in der Ausstellung "Fraktale V" im Berliner Palast der Republik erstmals gezeigt, also lange vor der Entstehung der IS. Der körperlos dahin treibende Kopf ist für mich eher Ausdruck der Hilflosigkeit des Menschen, der an den gesellschaftlichen Verhältnissen nichts ändern kann, obwohl er mit dem Kopf erkennt, was getan werden müsste." Blut gibt es auch nicht zu sehen, das Video entstand in Ranners Atelier. Das Video ist täglich von 16-21 Uhr, während der Winterzeit von 15-20 Uhr zu sehen. Das Video zur Installation steht auch auf: www.alexandra-ranner.com

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