Im Blaumann: Künstlerin Allexandra Ranner beim Aufbau ihrer Installation „Ich habe genug" an der Johanniskirche. - © Ralf Bittner
Im Blaumann: Künstlerin Allexandra Ranner beim Aufbau ihrer Installation „Ich habe genug" an der Johanniskirche. | © Ralf Bittner

Herford Kunstwerk zieht an den Neuen Markt

Im Park vor der Johanniskirche wird Alexandra Ranners Installation „Ich habe genug“ aufgebaut. Inbetriebnahme vermutlich im September

Ralf Bittner

Herfrd. Noch ist wegen der blauen Regenplanen nicht viel von Alexandra Ranners Installation „Ich habe genug" zu erkennen, die an der Petersilienstraße im Garten der Johanniskirche entsteht. Die kleine, grüne Kabine, in der einmal ein 13 Minuten langes Video zu sehen sein wird, schmeichelt sich zwischen die dichten Büsche. Die Installation ist im Besitz des Kunstsammlers Heiner Wemhöner und hatte von 2015 bis 2016 ihren Standplatz in der Nähe von „In Vino", Lockhauer Straße. Dort wurde sie abgebaut und war dann im Georg-Kolbe-Museum in Berlin in einer Einzelausstellung der Künstlerin zu sehen. „Seit einiger Zeit war ein zentralerer Standort für die Zeit nach der Rückkehr der Arbeit nach Herford im Gespräch", sagt die Künstlerin, die im Blaumann beim Wiederaufbau am neuen Standort selbst Hand anlegt. „Bis zur technischen Inbetriebnahme wird es aber wohl noch bis September dauern", sagt sie. Zu Bachs Zeiten zeugte der Satz von einem erfüllten Leben Die Arbeit stammt aus dem Jahr 2005 und war ursprünglich nicht für eine Dauerpräsentation im Freien gedacht. Daher werden leichte Witterungsschäden an der Konstruktion aus Holz und Aluminium ausgebessert und die Hütte mit einem regensicheren Dach versehen. Zur Arbeit gehört auch eine Peitschenlaterne, die noch aufgebaut werden muss und auch in der dunkle Jahreszeit den sicheren Zugang ermöglichen wird. Durch die kleinen Fenster wird nach Inbetriebnahme ein Film zu sehen sein. Der ist 13 Minuten lang, läuft in Endlosschleife und zeigt einen Menschenkopf, der in ruhigem Wasser treibt und die titelgebende Bachkantate „Ich habe genug" singt. „Das ist nicht als Schockeffekt gemeint", sagt sie: „Es gibt kein Blut zu sehen; die ganze Szenerie des Films entstand im Studio und ist extrem künstlich gehalten."„Das Ganze sei für sie ein Symbol für die Hilflosigkeit, sagt Ranner: „Viele Menschen haben heute genug von Krieg, Umweltverschmutzung, Politik oder anderen Dingen und haben gleichzeitig das Gefühl, dass ihnen die Mittel fehlen, etwas zur Veränderung beitragen zu können". Viele Erkenntnisse gibt es heute, und doch sind wir hilflos Der Kopf als Sitz von Willen und Bewusstsein stehe auch für die Erkenntnis und das Wissen, die heute für viele Menschen so zugänglich seien wie noch nie in der Geschichte, der fehlende Körper für die Hilflosigkeit angesichts dieser Erkenntnis. Heute heißt „Ich habe genug" so viel wie „Ich habe die Schnauze" voll. „Als Bach Anfang des 18. Jahrhunderts die Kantate schrieb, hatte der Satz noch eine völlig andere Bedeutung", sagt Ranner. Er bedeutete damals in etwa, dass der Mensch ein so erfülltes Leben gehabt habe, dass er freudig in ein möglicherweise noch besserers Jenseits wechseln wolle. Diese ursprünglich positive Bedeutung habe sich innerhalb von 300 Jahren in eine negative verkehrt. „Kunst soll Diskussionen anstoßen", sagt Ranner, die auch Professorin für Bildende Kunst an der Universität der Künste in Berlin ist: „Alles was Bewegung in die Köpfe der Menschen bringt, ist schön und gut." Es gehe ihr nicht um Schockeffekte oder Provokation, Kunst dürfe allerdings aufregen und aufwühlen. Deshalb sei auch der Standort an der Kirche – außerhalb eines Museums, aber doch etwas verdeckt – ideal. Der Standort soll sich in den kommenden Wochen bis zur Inbetriebnahme noch ein wenig verändern. Die Hecke soll zurückgeschnitten, ein paar Büsche entfernt und etwas Rasen eingesät werden, um den Zugang zu erleichtern. „Natürlich wird keiner der großen, wunderschönen Bäume hier entfernt werden", sagt Alexandra Ranner.

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