Kaffeepause auf der Terrasse: Bewohnerin Hildegard Wulfmeier kam als Kurzzeitpflege-Gast ins Heinrich-Windhorst-Haus, heute ist sie hier gern zu Hause. Sie plaudert mit Vertrauensperson Wilfried Stedter und Einrichtungsleiterin Gabriela Hofmann. - © Frank-Michael Kiel-Steinkamp
Kaffeepause auf der Terrasse: Bewohnerin Hildegard Wulfmeier kam als Kurzzeitpflege-Gast ins Heinrich-Windhorst-Haus, heute ist sie hier gern zu Hause. Sie plaudert mit Vertrauensperson Wilfried Stedter und Einrichtungsleiterin Gabriela Hofmann. | © Frank-Michael Kiel-Steinkamp

Kreis Herford Kurzzeit-Pflegeplätze sind meist ausgebucht

Frank-Michael Kiel-Steinkamp

Herford. Glücklich schätzen können sich pflegende Angehörige, wenn sie ihren Urlaub langfristig planen können oder ihre Lieben sogar Stammgäste in einer Alten- und Pflegeeinrichtung sind. Denn kurzfristig sind Kurzzeitpflege-Plätze in der Stadt und im Kreis Herford kaum zu bekommen. Die Heime sind im Sommer meist langfristig ausgebucht. Das bekommen auch die Krankenhäuser zu spüren, wenn sie einen Platz zur Anschlusspflege für einen Patienten suchen, der zwar so weit wie möglich auskuriert ist, aber noch nicht alleine zu Hause zurecht kommt. Diese Konkurrenzsituation hat sich zugespitzt, seit die Krankenkassen diese Anschlusspflege finanzieren müssen, wenn kein Pflegegrad zuerkannt wird. Die Leiterin des Sozialdienstes am Klinikum, Sabine Weygandt, und ein vierköpfiges Team müssen zwischen 14 und 17 Anforderungen nach Kurzzeitpflegeplätzen für Patienten in der Woche bearbeiten. Sie versuchen auch zu helfen, wenn jemand ins Krankenhaus gehen muss und ein zu pflegender Angehöriger, oft der Ehepartner, nicht alleine zu Hause bleiben kann. Doch nur 158 Kurzzeitplätze bieten die 29 Einrichtungen nach den Listen des Sozialdienstes an – und die sind meist belegt. „In den Ferien ist es besonders schlimm, aber das Problem zieht sich durchs ganze Jahr", sagt Weygandt. Die Einrichtungen melden ihr sogar frei werdende Plätze, doch das kommt in diesen Wochen selten vor. Man telefoniert, bis der Hörer heiß ist – auch in die Bad Oeynhauser und Salzufler Nachbarschaft. »Manchmal müssen wir für einen Platz 20 Heime anrufen« Angehörige werden von Fall zu Fall bei der Suche mit eingespannt. „Manchmal müssen wir für einen Platz 20 Heime anrufen", sagt Sabine Weygandt. „Bisher haben wir immer eine Unterbringung gefunden. Aber es kann sein, dass ein Patient, der Dienstag entlassen werden sollte, bis Freitag bleiben muss." Das findet sie auch deshalb schade, weil eine Pflegeeinrichtung familiärer und speziell darauf eingerichtet ist, Patienten wieder fit für den Alltag zu machen. Nicht immer ist der gefundene Platz so nah bei, wie das für die Patienten wünschenswert wäre. Der Kurzzeitpflege-Aufenthalt wird von den Kassen nicht voll bezahlt. Mindestens der „Hotelkostenanteil" von rund 40 Euro pro Tag muss selbst beigesteuert werden. Oft wird ein sogenannter Investitionskostenbeitrag erhoben. „Das ist für Leute mit niedriger Rente nicht einfach", weiß Sabine Weygandt. Eine Einrichtung mit Kurzzeitpflege-Plätzen ist das Heinrich-Windhorst-Haus. Leiterin Gabriela Hofmann hat beobachtet, dass eine Kurzzeitpflege auch dazu beiträgt, den Menschen die Angst vor einem dauerhaften Einzug in die Einrichtung zu nehmen. So war es auch bei der heute 91-jährigen Hildegard Wulfmeier aus Herford, die sich freut, dass „alle so nett sind, und die Damen so gut zusammenpassen". Mehr Gäste nach Schlaganfall oder Knochenbruch als "Urlauber" „Im Januar geht es los mit Nachfragen für den Sommer", berichtet Gabriela Hofmann. Auch sie stellt fest, dass der Anteil der Kurzzeitpflege-Gäste, die etwa nach einem Schlaganfall oder einem Knochenbruch aus dem Krankenhaus zur aktivierenden Pflege zu ihr kommen, inzwischen größer ist, als der der „Urlauber". Sie weiß um die Nöte der Angehörigen und Krankenhäuser, zu bestimmten Zeiten einen Platz zu finden. Sie bedauert, dass sie aus wirtschaftlichen Gründen die Plätze nicht einfach aufstocken kann, denn eventuell auftretenden Belegungslücken in der Nebensaison steht bei weiter laufenden Personalkosten keine Finanzierung gegenüber. Einen gewissen Ausgleich schafft sie wie andere Einrichtungsleitungen durch die vorübergehende Nutzung frei gewordener Dauerplätze für die Kurzzeitpflege. Darüber hinaus versucht man innerhalb der Häuser der Evangelischen Diakoniestiftung eine Lösung für Anrufer zu finden. Die Chefin des Hauses Stephanus in Hiddenhausen, Manuela Schock, weiß: „Wenn Sie spontan in Urlaub fahren wollen, haben Sie ein Problem. Wir haben jetzt schon eine Anmeldeliste für 2018. Unsere Stammgäste, die teils mehrmals im Jahr kommen, wissen das." Schock hält auch die Kombination aus Tagespflege mit Fahrdienst zur Übernachtung nach Hause und Einsatz eines ambulanten Pflegedienstes in vielen Fällen für eine gute Lösung. »Ich muss ganzjährig vielen Interessenten absagen« Die Wohnanlage Moorwiese in Enger ist eine reine Kurzzeitpflege-Einrichtung der AWO mit 18 Plätzen. Deren Leiterin Stefanie Frenzel stellt einen generellen Mangel an Kurzzeitpflege-Plätzen fest: „Ich muss ganzjährig vielen Interessenten absagen." Eine Erweiterung um wenigstens 25 Plätze hielte sie für angemessen, doch auf dem begrenzten Gelände nicht zu verwirklichen. „Wir haben das Problem erkannt und wissen, wir müssen ran", sagt der zuständige Dezernent beim Kreis Herford, Norbert Burmann. Die Kurzzeitpflege ist Teil der kommunalen Pflegeplanung, die der Kreis aufstellt und fortschreibt. Der Kreis rechnet allerdings mit 305 Plätzen, die sich überwiegend als „eingestreute Plätze" in Alten- und Pflegeheimen befinden. Der Kurzzeitpflege ist auch ein Kapitel im Bericht des Kreises von 2016 zu Kommunalen Pflegeplanung gewidmet. Darin wird eine weitere eigenständige Einrichtung für wünschenswert erachtet. „Es wäre schön, wenn wir immer genug Plätze hätten", sagt Burmann. Doch wolle man auch die Spitze der Nachfrage abdecken, habe man ein Problem der Auslastung in der übrigen Zeit. Er rät pflegenden Angehörigen, in der Nebensaison zu verreisen, weiß aber auch, dass viele Leute, die an Schul- und Betriebsferien gebunden sind, nicht die Auswahl haben. Der Kreis hält eine weitere eigenständige Einrichtung für wünschenswert Und schließlich gibt es nicht vorhersehbare Pflegefälle. Burmann hofft, dass vier neue Einrichtungen mit Voll- und Kurzzeitpflegeplätzen, die in Vlotho, Eilshausen, Bünde und Löhne innerhalb der nächsten zwei Jahre entstehen werden, für eine Entspannung sorgen. „Leider gibt es für die Übergangspflege nach dem Krankenhausaufenthalt, die den Engpass verschärft hat, noch keine eigenen Einrichtungen", sagt Burmann. Welche Kosten durch eine Kurzzeitpflege auf die Betroffenen unter dem Strich zukommen, kann individuell verschieden sein. Die Einrichtungen erheben unterschiedliche Preise, höhere Pflegegrade verursachen höhere Kosten, dabei steigt der Zuschuss der Pflegekasse (1.612 Euro für 28 Tage) aber nicht mit. Auskünfte erteilen die Alten- und Pflegeeinrichtungen, die drei Pflegestützpunkte im Kreis Herford sowie die Herforder Stadt- und die Kreisverwaltung (siehe Info).

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