Kind und Laptop: Für Alleinerziehende ist die Vereinbarung von Familie und Beruf eine gewaltige Herausforderung. Zudem erschwert ihnen die Lohnungleichheit das Leben. - © picture alliance / dpa
Kind und Laptop: Für Alleinerziehende ist die Vereinbarung von Familie und Beruf eine gewaltige Herausforderung. Zudem erschwert ihnen die Lohnungleichheit das Leben. | © picture alliance / dpa

Herford Lohnungleichheit: Die Sorgen einer alleinerziehenden Mutter

Dritter Teil der NW-Themenwoche "Weg zur Lohngerechtigkeit"

Carolin Nieder-Entgelmeier

Herford. All das, was Paare gemeinsam leisten, muss die Herforderin Angelika Buschmann (Name von der Redaktion geändert) alleine meistern. Die 37-Jährige ist alleinerziehende Mutter von zwei Kindern, pflegt mit Unterstützung eines professionellen Pflegedienstes ihre kranke Mutter und arbeitet Teilzeit als Kauffrau für einen Pflegeheimbetreiber. Eine Powerfrau also, die Kinderbetreuung, Haushalt, Pflege und Job ohne unterstützenden Partner unter einen Hut bekommt. Doch die Bezeichnung Powerfrau lehnt Buschmann ab, denn sie fühlt sich heillos überfordert mit den vielen Aufgaben, die sie täglich bewältigen muss. Die 37-Jährige gewährt intime Einblicke in ihren Alltag, um andere Frauen darauf aufmerksam zu machen, welche Auswirkungen es hat, wenn sich Lebensentwürfe, die Paare gemeinsam geschmiedet haben, plötzlich ändern. Allerdings nur anonym. Zu groß ist die Angst, Job und Anerkennung bei einem öffentlichen Eingeständnis der Überforderung zu verlieren. „Nach der Trennung von meinem Mann war ich auf staatliche Unterstützung angewiesen, diese Abhängigkeit möchte ich nicht noch einmal erleben." "Gefühl, dass mein Leben bald zusammenbricht" Dabei hat Buschmann neben ihrer Teilzeitstelle Aufgaben zu bewältigen, die aufreibender sind als eine Vollzeitstelle. „Immer dann, wenn die Kinder abends im Bett liegen, und ich das erste Mal Zeit zum Nachzudenken habe, habe ich das Gefühl, dass mein Leben bald zusammenbricht", sagt Buschmann. Sie erzählt das und blickt auf einen Stapel Post, der noch ungeöffnet auf dem Küchentisch liegt. Dabei sind unbezahlte Rechnungen ihre geringste Sorge. „Ich sorge mich vor allem um meine pflegebedürftige Mutter und meinen Sohn, der in der Schule nicht so richtig mitkommt. Zusätzlich habe ich ein schlechtes Gewissen, weil meine zweijährige Tochter in einer Kita betreut wird und ich dafür von anderen Eltern angefeindet werde." Alleinerziehende Mütter wie Angelika Buschmann leiden am stärksten unter den Folgen der Lohnungerechtigkeit in Deutschland, die durchschnittlich 21 Prozent beträgt. „Keine andere Bevölkerungsgruppe hat es so schwer auf dem Arbeitsmarkt", erklärt Gewerkschaftssekretärin Anke Unger vom Deutschen Gewerkschaftsbund in OWL. Problem der Lohnungleichheit „Alleinerziehende Mütter und Väter haben grundsätzlich einen schweren Stand, doch Frauen, die ihre Kinder alleine großziehen, leiden zudem unter der Lohndifferenz, weil sie häufig in Branchen tätig sind, die schlechter entlohnt werden als typische Männerdomänen", sagt Unger. Zudem haben es alleinerziehende Mütter grundsätzlich schwerer, die Branche zu wechseln oder überhaupt eine Anstellung zu bekommen, weil Arbeitgeber häufige Fehlzeiten befürchten. „Die Konsequenz ist in vielen Fällen Altersarmut, weil zu wenig in die Rentenkasse eingezahlt werden konnte", so Unger. In ländlichen Regionen wie OWL haben es alleinerziehende Mütter besonders schwer. „Die Kinderbetreuungsangebote sind nicht so flexibel wie in Ballungszentren", erklärt die Sprecherin des deutschen Landfrauenverbands, Astrid Falter. Ein weiteres Problem sind fehlende und unflexible Mobilitätsangebote. „Frauen sind häufig auf das Auto angewiesen, um lange Strecken zu überbrücke. Das beeinflusst die Jobauswahl." Frauen geben sich dann häufig mit weniger attraktiven Stellen zufrieden, um den Job mit der Kinderbetreuung vereinbaren zu können. 100 Bewerbungen, zwei Zusagen Diese Entscheidung hat auch Angelika Buschmann getroffen. Die 37-Jährige ist gelernte Kauffrau im Gesundheitswesen. „Ich habe mehr als 100 Bewerbungen geschrieben und zwei Zusagen erhalten, mich dann aber für das finanziell schlechtere Angebot entscheiden müssen, um die Betreuung meiner Kinder zu gewährleisten." Nur ungern denkt sie an die unzähligen Bewerbungsgespräche zurück. „Meine Qualifikation oder Motivation haben kaum eine Rolle gespielt. Es kam immer wieder dieselbe Frage: Wer kümmert sich um ihre Kinder, wenn sie krank werden?" Buschmann hat sich trotzdem weiteren Gesprächen gestellt und eine Stelle gefunden. „Ich bereue nicht, dass ich Mutter geworden bin, aber ich bereue, dass ich während der Schwangerschaft eine rosarote Brille getragen habe und mich von meinem Mann abhängig gemacht habe, ohne auf eine Absicherung zu bestehen."

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