Überraschung: Die für ihre leichte, schwebende Stimme bekannte Viktoria Tolstoy kann auch ganz anders. - © Ralf Bittner
Überraschung: Die für ihre leichte, schwebende Stimme bekannte Viktoria Tolstoy kann auch ganz anders. | © Ralf Bittner

Herford Viktoria Tolstoy ist im Musik Kontor die heiße Überraschung aus dem Norden

Sie überrascht mit teils bluesigen, funkigen und rockigen Arrangements

Ralf Bittner

Herford. "A Kiss is just a Kiss" aus dem Song "As Times go by", schmeichelt Viktoria Tolstoy zum entspannt dahinswingenden Foyerjazz ins Mikro. Wer sieht zum Klassiker aus dem Film Casablanca nicht Barmann Rick und Ilsa Lund, gespielt von Ingrid Bergmann, den Klängen des Pianisten lauschen. Ein Klavier gibt es auf der Bühne im Schiller nicht, stattdessen Gitarre, Bass -wahlweise akustisch oder elektrisch - und Schlagzeug, dazu hin wieder eine Prise Elektronisches. Der emotionale Einstieg und die edlen Einspielungen der Songs auf der CD täuschen. Neben Tolstoys Stimme sind es die Arrangements des Gitarristen Krister Jonsson die den Abend beim Musik Kontor prägen. Rock, Funk oder Blues kontrastieren mit Tolstoys klarer, aber dennoch dynamischer Stimme. Und dann die Songs! Wer nach "As Times goes by" weitere fürs Jazzpublikum aufpolierte, sozusagen für das 21. Jahrhundert remasterte, Songs erwartet hatte, erlebt Erstaunliches. Aus Seals seidenweicher Ballade "Kiss from A Rose" aus dem peinlichen "Batman forever" wird dank rockiger Gitarrenriffs und trockener Snaredrum eine extrem tanzbare Nummer. Aus Björks düster-hymnischem "New World" aus Lars von Triers tragischem Musical-Drama "Dancer in the Dark" wird zu überraschen hartem, druckvollen Rock-Jazz mit einer Prise Americana, zu dem sogar Tolstoy ihre nordische Zurückhaltung auf der Bühne aufgibt und Körper und Beine ausgelassen bewegt. Souliger geht es dann bei "Angel" aus dem Film "City of Angels" zu. Ausgerechnet von Clint "Dirty Harry" Eastwood stammt das zarte "Why should I care", zu dem Schlagzeuger Erasmus Kihlberg die Felle mit dem Besen streichelt. Tolstoy und Band überraschen immer wieder nicht nur mit der Songauswahl, sondern auch mit der Art und Weise, wie sie diese gegen den Strich bürsten. Funky wird's wenn Tolstoy und Band das Reich der Filmmusik verlassen. "Butterfly" von Tastenzauberer Herbie Hancock klingt dank Gitarren-Soli und Mattias Svenssons funky Bassspiel wie ein ganz neuer Song, ähnlich verhält es sich mit Peter Gabriels "Kiss that Frog". "Lovesong", "Change the World" wieder angereichert mit reichlich Blues, Rock und Funk oder die Ballade "Out here on my Own" aus der TV-Serie Fame sorgen weiter für ein intensives, abwechslungsreiches und überraschendes Konzert. So ausgelassen und strahlend hatte wohl kaum jemand die Tolstoy erwartet, es bleibt sogar Zeit für ein Geburtstagsständchen für Diana im Publikum. Geschenke oder eine Geburtstagstote hat das skandinavische Quartett zwar nicht dabei, dafür aber drei Zugaben: "Romance in the Dark" als energiegeladenes Blues-Duett Duett mit Gitarre pur, das balladeske "Shining on You" von Esbjörn Svensson als Rausschleicher und schließlich "Halleluja I just love Him so", ein Ray-Charles-Cover, bei dem Bass und Schlagzeug es noch einmal bluesig klingen lassen.

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