Zwei Porträts des Fotografen Bruce Gilden blicken Marta-Direktor Roland Nachtigäller (l.) an. Das riesige Format lassen den Betrachter in die Poren bis fast unter die Haut schauen. - © Ralf Bittner
Zwei Porträts des Fotografen Bruce Gilden blicken Marta-Direktor Roland Nachtigäller (l.) an. Das riesige Format lassen den Betrachter in die Poren bis fast unter die Haut schauen. | © Ralf Bittner

Herford Neue Ausstellung im Marta geht an Schamgrenzen

Mit dem Thema Scham und dem Umgang damit trifft die „Die innere Haut“ auf ein aktuelles Thema. Die schiere Menge der Eindrücke fordert

Ralf Bittner

Herford. „Vielleicht ist die Kunst besser als Wissenschaft oder die Sprache geeignet, sich dem Thema Scham anzunähern", sagte Marta-Direktor Roland Nachtigäller über die Ausstellung „Die innere Haut – Kunst und Scham", die Freitagabend eröffnet wird. Eins wird auf den ersten Blick klar: die eine Haltung zum Themenkreis Scham, Intimität, Tabu oder zum Verhältnis von Kunst und Scham gibt es nicht. Mehr als 50 Künstler, sind in der Schau mit über 100 Arbeiten vertreten. Haltung der Künstler sehr unterschiedlich Dabei sind die Ausdrucksformen Malerei, Zeichnung, Fotografie, Skulptur, Video oder Performance so verschieden wir die Haltung der Künstler. Arbeiten sensibler Beobachter hängen neben denen von Provokateuren und Freunden augenzwinkernder Ironie. Auch wenn das erste Kabinett einen kompakten Einstieg ins Thema von Dürer bis heute liefert, ist die Ausstellung keine kulturhistorische Schau. „In einer Zeit, wo Burkinis auf knappste Bikinis treffen, wird besonders deutlich, dass sowohl individuelle als auch gesellschaftliche Konventionen immer wieder aufs Neue ausgehandelt werden", sagte Friederike Fast vom kuratorischen Team und Ideengeberin der Ausstellung. Gegliedert ist die Ausstellung in die vier Bereiche „Paradies und Pubertät", „Verhüllen und Offenbaren", „Norm und Ausgrenzung" und „Witz und Provokation". Körper aus Silikon und Echthaar nachgebildet „En somme" (Im Schlaf) Nr. 44 heißt eine Performance Virgine Novarine. Nach Tagen des Schlafentzugs wird er in der Ausstellung zwischen der Wachphase und der Schlafphase ungeschützter Intimität hin- und her wechseln. Die Fotografen Rineke Dijkstra und Bruce Gilden zeigen, wie unterschiedlich Fotografen das Thema Pubertät ins Bild setzen können. Clemens Krauss bildete den Körper des 13-jährigen Krauss aus Silikon und Echthaar nach. Miriam Cahn zeigt zugleich verhüllte, entblößte und von der Flucht über das Meer gezeichnete Menschen. „Mare Nostrum" heißt die Arbeit, so wie die Mission der italienischen Marine zur Rettung von Flüchtlingen 2013/14. Berlinde de Bruyckere versteckt eine Skulptur unter mehreren Decken, ein weiblicher Torso fesselt in seiner fahlen Zerbrechlichkeit. In Julian Rosefeldts Film „Deep Gold" irrt ein Mann durch ein surrealistisches Nachkriegsberlin und begegnet Koksern, nackten Tänzerinnen. 18 Minuten sollte man für diese visuelle Irrfahrt einplanen. Marta präsentiert eine Ausstellung fordernd wie das Thema, die sowohl zur Diskussion als auch zu mehrmaligem Besuch einlädt.

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