Das Saxofon-Quartett "Clair-Obscur". - © Pressefoto/Christian Becker
Das Saxofon-Quartett "Clair-Obscur". | © Pressefoto/Christian Becker

Herford Uraufführung: NWD spielt mit Saxophonquartett "Clair-Obscur"

Musikalischer Krimi mit psychedelischem Klang

Anna Mönks

Herford. Eine Uraufführung ist geeignet, den Zuhörer aus dem Gleichgewicht zu bringen. Man kennt das Werk nicht, was Gesprächsbeiträge wie "In der Aufnahme mit Rattle von 1996 war das aber viel forscher!" unmöglich macht. Und Uraufführungen sind in der Regel von Zeitgenossen, modern, bestimmt atonal. Also: Man weiß nicht, was einen erwartet. Das ist unheimlich. Solchermaßen gestimmt betraten die Zuhörer des Sinfoniekonzertes der Nordwestdeutschen Philharmonie am Freitagabend den Schützenhof, um die Uraufführung des Konzertes für Saxofonquartett und großes Orchester "Berlin Punk" von Enjott Schneider zu hören. Der Beginn des Werkes klang wenig tonal: Geräusche, vage Klänge, Streicher, die ihre Bögen auf die Saiten schlagen. Doch dann schälte sich ein Beat heraus, ein Drumset, scharfe Einwürfe der Trompeten - kurzum, es rockte. Der Drive blieb, auch wenn es immer wieder Passagen gab, in denen die Musiker frei agierten. Dann ließen die Streicher ihre Finger in individuellen Tempi über die Saiten gleiten bis Yves Abel abwinkte. Unerschrocken und lustvoll Es entstand ein unendlich dicht gestricktes Klanggefüge; hinten das große Orchester, vorne die vier Saxofonisten (Jan Schulte-Bunert, Maike Krullmann, Christoph Enzel und Kathi Wagner), die es schafften, gleichzeitig als Quartett autark zu agieren und dennoch Teil des Orchesters zu sein, während die NWD dieses ungewohnte Terrain mit ihrem Chefdirigenten so unerschrocken wie lustvoll beschritt. Immer wieder lässt Enjott Schneider mit den Klängen spielen, etwa wenn er zur "Bullenjagd" Trillerpfeifen einsetzt oder im zweiten Satz die Schlagzeuger mit den Fingern über Rotweingläser gleiten lässt. Ein psychedelischer Klang, über dem sich weich das Sopransaxofon ausbreitete. Hier wurde deutlich, wie hervorragend die vier Solisten aufeinander eingespielt sind: Sie fanden perfekt den gemeinsamen Klang. Für das Publikum, in dessen CD-Schrank sich vermutlich kein Punk befindet, war dieses Werk eine Herausforderung. Jüngere Hörer indes sollten unbedingt den Weg in eines der noch folgenden Konzerte finden. Am Ende gab es dennoch viel Applaus und Jubel für die Musiker und den anwesenden Komponisten. Die Finsternis dominierte Nach der Pause folgte die 5. Sinfonie von Sergej Prokofjew. Ein epischer Klangkörper baute sich über dem schönen Fundament von Bässen und Tuba auf. Yves Abel zelebrierte die sich auftuenden Melodiebögen und gab ihnen Raum. Dennoch dominierte die Finsternis: schweres Blech, wummernde Schläge der großen Trommel, die Melodiestimmen im unisono, enervierend untermalt von der kleinen Trommel. "Uff!" macht ein Zuhörer am Ende des ersten Satzes. So richtig leicht wollte auch die agile Melodie des zweiten Satzes nicht klingen. Die Musiker spielten flink und beweglich, doch haftete allem etwas Getriebenes an, nicht eben lebensbejahend. Das war Musik wie eine Kampfansage, so lieblich die Anlage auch war, durch Begleitung und Artikulation bekam sie immer einen dunklen Schleier. Der Zuhörer hatte keine Pausen, er durfte niemals arglos sein, denn irgendwo hinter der nächsten Ecke lauerte wieder das Böse (oder eben die kleine Trommel). Die NWD zelebrierte dieses untergründige Unwohlsein mit erbarmungsloser Intensität. Am Ende gab es spontanen Jubel, auch für jeden einzelnen Bläser (Tuba!), hervorragende Schlagzeuger und einen großen Streicherapparat.

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