Grüne Anhöhe mit Kirche und Kasernen: Der Stiftberg wird sich stark verändern. Die leeren Kasernen Hammersmith und Wentworth sollen umgewandelt werden. Bei einer Bürgerversammlung im Gymnasium (Bildmitte) hatten die Anwohner vor allem Fragen zur Verkehrsführung. - © Scharlibbe
Grüne Anhöhe mit Kirche und Kasernen: Der Stiftberg wird sich stark verändern. Die leeren Kasernen Hammersmith und Wentworth sollen umgewandelt werden. Bei einer Bürgerversammlung im Gymnasium (Bildmitte) hatten die Anwohner vor allem Fragen zur Verkehrsführung. | © Scharlibbe

Herford Bürger äußern Bedenken über Umwandlung der Kasernenflächen am Stiftberg

Insgesamt 142 Maßnahmen sollen das Quartier neu gestalten

Miriam Scharlibbe

Herford. Wer auf dem Stiftberg wohnt hat im besten Fall das Gefühl, über der Stadt zu thronen - im schlechtesten sieht er sich von Mauern umgeben. Die Kasernen der britischen Streitkräfte waren jahrzehntelang prägend für den Stadtteil. Jetzt stehen sie leer. Bürgermeister Tim Kähler will sie mit Leben füllen und einen Bildungscampus entwickeln. Die Idee wurde bereits präsentiert, jetzt sind die ersten Fördergelder da und mit ihnen Fragen der Anwohner. Die verschafften sich bei einer Bürgerversammlung Gehör. 70 bis 80 Menschen haben sich bei eisigen Temperaturen in die Aula des Königin-Mathilde-Gymnasiums geflüchtet. Die meisten Anwohner sitzen mit verschränkten Armen da, abwartend lauschen sie den Vorträgen von Bürgermeister Tim Kähler und Rainer Müller von der landeseigenen "Hessen Agentur", die bereits viele ehemalige Militärstandorte untersucht hat. Moderator Jörg Brökel fragt, wer befürchtet, dass sich durch die Umwandlung der Kasernen die Situation im Quartier verschlechtere. Nur drei Bürger stehen auf. Die meisten glauben dem Motto des Abends: "Unser Berg soll schöner werden." Die Kasernen Wentworth und Hammersmith sowie das Quartier Birkenstraße werden umgewandelt. Kähler spricht von "bis zu 1.000 neuen Arbeits- oder Forschungsplätzen." Für diese Menschen soll Wohnraum geschaffen werden. Die favorisierte Zielgruppe: junge Familien. 51 Hektar sollen in den nächsten 15 bis 20 Jahren umfunktioniert werden. Kähler: "Das ist richtig große Stadtentwicklung." Brökel mag es deutlicher: "Das sind 72 Fußballfelder." Seniorenprojekte wolle die Stadt realisieren und endlich den für das Quartier viel zu kleinen Supermarkt angehen. 142 Maßnahmen stehen in einem Katalog. Deren Umsetzung kostet 47 Millionen Euro. Kähler: "Da haben wir noch kein Geld für Grundstückserwerb oder Gebäude ausgegeben." Das größte Risiko aber wäre, wenn nichts passierte. "Ein Leerstand der Kasernen tut weder der Substanz, noch dem Standort gut." Einigen Anwohnern kann es gar nicht schnell genug gehen. Der Bürgermeister stellt klar: "Es gibt keinen Baustopp, aber noch besitzen wir die Grundstücke nicht." Die Stadt habe zwar ein Vorkaufsrecht, müsse sich aber erst einmal mit der BIMA (Bundesanstalt für Immobilienaufgaben) über den Preis einigen. Dann müssten planungsrechtliche Fragen geklärt werden. Stadtentwickler Müller macht Mut: "In Hanau haben wir für die Umwandlung eines 300-Hektar-Quartiers dann doch nur acht Jahre gebraucht." Gleich mehrere Bürger äußern Bedenken bezüglich der Verkehrsführung: "1.000 neue Bewohner bringen doch auch Autos mit", kritisiert ein Mann. Schon jetzt sei die Situation rund um Kirche, Schule und Kindergarten oft chaotisch. Eine Anwohnerin verweist auf die Belastung der Nebenstraßen: "Der Stiftskamp wird als Ausweichstrecke genutzt." Der Bürgermeister und sein Beigeordneter beschwichtigen. Das Problem sei bekannt und auf den militärischen Grundstücken sicher noch Raum für Parkplätze. Große Parkhäuser will der Bürgermeister aber nicht bauen. "Wir müssen vor allem gucken, wie wir den Berg besser an den Nahverkehr anbinden können." Außerdem brauche man einen attraktiven Radweg, vom Berg in die Stadt. Vom Bahnhof Herford zum Bahnhof einer gewissen Nachbarstadt brauche der Zug nur sieben Minuten. Kähler: "Bielefeld schafft es nicht, bezahlbaren Wohnraum anzubieten, das kann eine Chance für Herford sein." Kommentar: Staat vor Privat Von Miriam Scharlibbe Dieses Projekt ist eine Chance für Herford im Allgemeinen, für die Bewohner des Stiftbergs im Besonderen. Bis die leeren Kasernen Orte des Arbeitens, Lernens und Lebens sind, werden allerdings Jahre, wenn nicht Jahrzehnte vergehen. Ohne das finale Ergebnis überhaupt greifen zu können, müssen die Politiker über einen Batzen Geld entscheiden. Bis zu 200 Millionen Euro könnte die Umwandlung des Quartiers kosten, wird gemunkelt. Dabei stellt sich die Frage, inwieweit Investoren mit an Bord sollen. „Privat vor Staat" war lange die Devise. Denn fremdes Geld schmälert das Risiko für die Stadt. Allerdings reduziert sich damit auch ihr Mitspracherecht. Um die Vision vom Bildungscampus in die Tat umzusetzen, wäre der sichere Weg der zunächst teurere: Die Stadt nimmt viel Geld in die Hand und nutzt ihr Vorkaufsrecht für alle Liegenschaften. So würde sie ihr Mitspracherecht behalten, könnte immer noch Investoren werben und gewinnbringend verkaufen. Die Niedrigzinsphase spricht dafür. Die Entscheidung ist aber zu wichtig für Herford, die Investition – trotz aller zu erwartenden Fördermittel – ist zu hoch, als dass sie auch nur ein Ratsmitglied leichtfertig fällen wird. Herfords Bürgermeister, der bekanntermaßen ein Freund großer Veränderungen ist, wird viel Überzeugungsarbeit leisten müssen.

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